Bundestagswahl

Kurz vor der Bundestagswahl: Eine Würdigung all jener, die sich politisch engagieren, und ein Plädoyer, am 24. September wählen zu gehen. – Dies ist eine Verteidigungsrede. Eine Apologie sozusagen: auf unsere Demokratie und – so politisch unkorrekt es sein mag – auch auf den Berufsstand der Politiker. Viel Schelte müssen sich diese Männer und Frauen gefallen lassen. Und zwar nicht nur solche sachlicher Natur (die ist wie der Streit wichtig und notwendig für eine lebendige Demokratie), sondern auch solche von grundsätzlicher und vor allem: von beleidigender Art…

Politikerinnen und Politiker seien zuallererst auf ihren eigenen finanziellen Vorteil bedacht, ist dabei noch ein harmloser Vorwurf. Machtgier und Bestechlichkeit sind andere. Die Konsequenz, die solche Kritiker dann oft aus ihrer „Erkenntnis“ ziehen: Sie gehen nicht zur Wahl, denn „die da oben machen ja doch, was sie wollen“.
Es ist nicht zu leugnen: Die genannten Untugenden existieren.  Warum auch sollten Politiker besser sein als andere Menschen? Aber aller Erfahrung nach muss man doch davon ausgehen, dass die meisten unserer Volksvertreter und Amtsträger (und zwar auf allen politschen Ebenen) mit ebenso viel Einsatz und Überzeugung ihre Arbeit leisten wie Angehörige anderer Berufsgruppen auch. Und wenn das nicht der Fall ist, gibt es in unserem Rechtsstaat jede Menge Möglichkeiten, Fehlverhalten aufzudecken und zu sanktionieren.

Ein Wort zur Machtgier: Unstrittig ist wohl auch, dass jeder, der Verantwortung übernimmt, den Willen zur Macht mitbringen muss. Das ist in allen Organisationen so. Selbst in der Kirche.

Und die Bezahlung der Politiker? Lächerlich im Vergleich zu dem, was in manchen Führungsetagen der Wirtschaft verdient wird. Etliche Bosse würden für das Politikersalär nicht einen Finger krumm machen.

Dann ist da noch ein Grund, aus dem Politikerinnen und Politiker unseren Respekt verdienen: Bei jeder Wahl gehen sie das persönliche Risiko ein, vor aller Welt als gescheitert dazustehen. Schließlich gibt es – jedenfalls bei uns – stets Gewinner und Verlierer. Den Gründungsvätern und -müttern der Bundesrepublik sei Dank: Wir leben nicht in einem Land der 99-Prozent-Ergebnisse.

Das heißt aber für die, die am Schluss nicht auf dem Siegertreppchen stehen: Sie müssen ihre Enttäuschung, ihre Trauer, vielleicht auch ihre Wut irgendwie verarbeiten. Und zwar ohne zuviel davon nach außen preiszugeben. Man braucht schon ein dickes Fell im Politikbetrieb…

Es ist richtig: Auch das System der parlamentarischen Demokratie hat seine Schwächen – menschliche und andere. Aber nach allen  historischen Erfahrungen muss man wohl sagen: Bis heute hat niemand ein besseres erfunden.
Drei Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl. Drei Wochen Zeit zu überlegen, wem wir unsere Stimme geben. Dabei kommt es weniger darauf an, wo, sondern dass wir unser Kreuz setzen.

Und all die Politik(er)verdrossenen und die, die sagen „Was ist das denn schon für eine Demokratie – alle vier Jahre ein Kreuzchen?“, seien daran erinnert: Diese Demokratie erlaubt es auch ihnen, sich zu engagieren.

Aus der Printausgabe – UK 36 / 2017 – Von Annemarie Heibrock | 3. September 2017