Predigt zum Palmsonntag: Jesu Einzug in Jerusalem (Matthäus 21,1-9)

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Predigt zu Matthäus 21,1-9
von Pfr. Carsten Heß – www.vitamin-c-online.com

Liebe Gemeinde,

kennen Sie die beiden Mäuse vom Europapark in Rust – Deutschlands größtem Freizeitpark im Dreiländer-Eck Deutschland, Frankreich, Schweiz und Deutschland? Sie heißen Ed und Edda Euromaus. In besonders hoch frequentierten Wochen ziehen die beiden Riesen-Mäuse in einer feierlichen Parade durch die Hauptstraßen des Freizeitparks. Natürlich wird die Route feierlich abgesperrt. Hinter den Absperrbändern: unzählige Schaulustige. Eine Charlie-Chaplin-Figur kontrolliert, ob der Weg für die Parade auch wirklich barrierefrei ist. Alle warten gespannt, wann der Einzug der Stars endlich losgeht. Aber natürlich erscheinen die beiden Mäuse-Stars nicht sofort, sondern haben viele Vorboten, die ihnen sozusagen den Weg bereiten – mit wehenden Landesflaggen und Tänzen, sprühendem Papier-Konfetti und Akrobatik. Und schließlich ist es soweit. In einer starken Euromaus-Limousine halten die beiden Hauptpersonen dann schließlich Einzug: Ed & Edda Euromaus. Die Kinderherzen schlagen hoch und höher. Auf diesen Moment hatten sie sich lange hin-gefreut: Endlich die legendären Euromäuse mal live betrachten – und mit leuchtenden Augen glücklich sein. Feierlicher Umzug von Ed und Edda Euromaus durch den Europapark.

 

Szenenwechsel: Vom Süddeutschland – nach Palästina. Von Rust – nach Jerusalem.

Jahrhundertelang schon warten die Menschen im jüdischen Land auf den Messias. Auf den Retter, auf den Befreier. Auf den, der die Gerechtigkeit wieder herstellt. Auf den, der den Römern mal so richtig zeigen soll, wo’s lang geht. Auf den, der die Gewaltigen vom Thron stößt. Auf den König, von dem es im 24. Psalm heißt:
„Macht die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.“

Und genau ER – also der König der Ehre – zieht nun in Jerusalem ein. Mächtig im Streit:

Mit einer gepanzerten Königs-Karosse — in Esels-grau, mit viel rotem Teppich — spontan aus der Altkleidersammlung — und frisch von den Bäumen gerupft.

 

„Wie bitte?“ – so höre ich die Beobachter beim Einzug von Jesus in Jerusalem sagen – „Soll das ’n Witz sein: Der König der Ehre reitet auf einem Esel?
Ja, glaubt ihr denn, der Römische Kaiser Tiberius und der jüdische König Herodes Antipas ließen sich von weniger als einem PS einschüchtern?

Die Purpur-gestylt-föderalen Management-Profis haben doch nur ein müdes Lächeln übrig für diesen Zimmermann-Junior-Chef aus Papas Holzfirma!

Ja, glaubt ihr denn, die gekrönten Prunk-Liebhaber ließen sich von einem Maultier-Revoluzzi im Handwerker-Ambiente beeindrucken?

Wacht doch bitte auf, liebe Zeitgenossen: Nix da mit honorem Hosianna und enthusiastischer Ehrerbringung.
…Sollte man stattdessen nicht lieber das Kyrie eleison anstimmen (?): O Gott, erbarme dich bitte – angesichts dieser Möchtegern-messianischen Natur-Nummer!

Dass hier der König der Ehren einzieht, das glauben doch nur die, denen eh‘ nicht mehr zu helfen ist!“

 

„Genau!“ – so stelle ich mir vor, dass ein frisch eingesegneter Bar-Mizwa-Schüler (also sozusagen ein jüdischer Konfirmand) in diese Jerusalemer Stadttor-Diskussion beim Einzug von Jesus in Jerusalem ‚reinplatzt. Viele markante Passagen der jüdischen Schriften kennt er aus dem Thora-Unterricht in- und auswendig.
Die Erwachsenen schauen ihn fragend an. Darauf hin wiederholt er es noch selbstbewusster – so stelle ich es mir vor:
„Genau: Dass hier der König der Ehren einzieht, das glauben doch nur die, denen eh‘ nicht mehr zu helfen ist!“
Soll heißen: Alle, die die Hoffung auf Gerechtigkeit längst begraben hatten – die verstehen es als Allererste: Hier begegnet uns ganz schlicht DER berührbare Bruder aller Menschen. Planmäßig zieht er in die Stadt ein, die Gott zu seiner Hauptstadt gemacht hat.
Gott wird Mensch. Die Liebe wird Person. Der Höchste erniedrigt sich / begegnet uns auf gleicher Augenhöhe / möchte sich nicht in einem erhabenen Elfenbeinturm verschanzen / sondern will spüren, was hier unten abgeht / belohnt den Glauben derer, die die Hoffnung trotz allem nicht aufgegeben haben – und empfänglich sind für die Macht der Liebe.

 

„Schaut genau hin:“ — so könnte der junge Bar-Mizwa-Schüler von vorhin es vielleicht gesagt haben – „Das, was hier passiert / das, was Euch zum Rätseln und zum Ärgern – oder auch zum Hosianna-Rufen veranlasst, das hat doch alles der Prophet Sacharja schon lange im Voraus kommentiert.

 

(aus Sacharja 9,9f) – „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin … und er wird Frieden gebieten den Völkern“ – so liest man es damals und heute im Buch des Propheten Sacharja.

 

Also: Hier geht es nicht um eine peinliche Planungs-Panne, sondern um ein präzise prophezeites Besuchs-Programm:

Vor deinen Toren, liebe Tochter Zion und liebe Tochter Jerusalem, vor deinen Toren steht:
Der König! Ein Gerechter, ein Helfer, einer, der unaufdringlich präsent sein will, einer, dem es um Frieden geht – um einen Frieden, nach dem du dich im tiefsten Innern so sehr sehnst, du geliebte Tochter Zion, du geliebte Tochter Jerusalem und alle, die sich noch angesprochen fühlen.

Aber weil es hier um Frieden geht, deshalb soll dieses Ziel nicht mit todbringender Gewalt durchgesetzt werden, sondern auf viel wirksamere Weise.
Weil der Friedensbote anders ist / weil er der ganz Andere ist, deshalb lohnt sich unsere Aufmerksamkeit. Unsere adventliche und Passions-zetliche Aufmerksamkeit. Eine Ankommens-Aufmerksamkeit / eine innehaltende Besinnungs-Aufmerksamkeit. Für den, der da ankommt / ankommt für die damaligen und für die heutigen Menschen.

 

Gleich zweimal kommt der Predigttext vom Einzug Jesu in Jerusalem vor: Alle sechs Jahre im Advent – und am Palmsonntag in der Passionszeit.

Also: Das wehrlose Kind in der Krippe ist untrennbar auch der Scerzens-Mann am Kreuz.

Das „Christkind“, auf dessen Ankunft wir uns im Advent vorzubereiten versuchen, ist gleichzeitig auch der, über dessen Kopf man später das INRI-Schild angenagelt hat – und damit sämtliche seiner Friedens-Initiativen lächerlich machen wollte.

 

Im Advent und zu Weihnachten besinnen wir uns darauf, dass Gottes Sohn hilflos, obdachlos und prunklos als Baby in einem Stall auf die Welt gekommen ist.
Und zur Passionszeit besinnen wir uns auf seinen Einzug in Jerusalem auf einem Esel, dem Reit-Tier der kleinen Leute.

Beides will der biblische Bericht von Jesu Einzug in Jerusalem verbinden: Krippe und Kreuz.

 

Der von Gott autorisierte Friedens-Initiator begegnet uns hier und dort auf gleicher Augenhöhe,
brüderlich berührbar, konsequent gewaltlos – und zwielichtig umjubelt (denn manche von denen, die gerade noch „Hosianna“ geschrien haben, stimmen schon wenig später ein in die Kreuzigungs-Rufe.)

 

Aber der Mann aus Nazareth bleibt souverän:
Macht sich nicht abhängig von menschlichen Stimmungen, lässt sich nicht abbringen von seinem göttlichen Weg. Reitet auf dem Esel, vertreibt die Händler aus dem Tempel, provoziert das religiöse Establishment, solidarisiert sich mit den Entrechteten, weint die Tränen der Verzweiflung und Einsamkeit, liebt bis zum letzten Atemzug, verkörpert wie kein anderer den unbedingten Friedenswillen für eine gefährdete Welt. Holt sich Last-Tiere – und keine Panzer
– und wehrt sich gegen Allmachts-Phantasien jeder Art.

Denn seine Hoheit liegt in der Niedrigkeit, seine Echtheit liegt in der Bescheidenheit, sein Mut liegt in der Demut, seine Stärke liegt in der Schwäche.

 

Ob der Advent uns wohl zur Rückbesinnung auf die wahren Weihnachts-Werte einlädt?
Ob die Passionszeit uns wohl (auch) diesmal davon überzeugen kann, dass wir es da mit einem Erlösungs-Weg zu tun haben, auf dem unser Vater im Himmel unsere Lasten wegträgt, die wir alleine nicht wegtragen können? („Siehe, das ist das Gottes, das die Sünde der Welt trägt.“ Johannes 1,29.36)

In der Krippe liegt einer – auf dem Esel sitzt einer – und am Kreuz hängt einer, der die Nähe sucht und schenkt, der zum Frieden aufruft und ihn konsequent verkörpert, der König und Diener in einer Person ist, der die Macht der Mächtigen nicht mit Gewalt, sondern mit entwaffnender Liebe brechen will.

 

In der Krippe liegt einer – und auf dem Esel sitzt einer – und am Kreuz hängt einer, der ganz genau weiß, dass Menschen häufig von Gewalt als „ultima ratio“ – als äußerster Vernunftsmaßnahme reden.

Die göttliche „ultima ratio“ dagegen heißt: Niedrigkeit. Man könnte auch sagen: Niedrig-Schwelligkeit / also für alle kapierbar / für alle berührbar / für viele imitierbar — aber auch durch viele verletzbar und vordergründig vernichtbar. Scheinbar hat er vor der Gewalt kapituliert, aber Gott hat den vermeintlichen Verlierer auferweckt und seine Macht der Liebe beeindruckend bestätigt.

 

Das Kind in der Krippe, der Esels-Reiter – und der Mann am Kreuz: Uns allen ist er ein Weg-weisender Vorreiter.

 

Zurück zum Anfang:
Ed und Edda Euromaus ziehen bombastisch durch den Europapark —

und vor 2000 Jahren gab es den schlichten Esels-Einzug von Jesus in Jerusalem.

 

Mich faszinieren beide Paraden.

 

Die eine Parade will einfach nur schön sein und gute Unterhaltung liefern – und ist nach 20 Minuten wieder vorbei — Ein Ereignis von vielen.

 

Die andere „Parade“ – also die von Jesu Einzug in Jerusalem – sie markiert eine Zeiten-Wende – und überdauert die Geschichte.

 

Zum Schluss noch ein weiterer Bericht von der Straße:

Ein Mann mit einem schnellen Wagen überholt auf einer einsamen Landstraße einen alten Mann, der langsam auf seinem Esel den Weg entlang reitet. Er hält und ruft dem Älteren zu: „Soll ich Sie mitnehmen, mein Auto hat 300 Pferdestärken und ist viel schneller als Ihr Esel. Kommen Sie, steigen Sie bei mir ein, ich nehme Sie gerne mit.“ – „Nein, vielen Dank, antwortet der Alte, „mir ist mein Esel lieber, und ich mag es so langsam!“
Der Autofahrer gibt schneidig Gas, rast los, und kommt in der nächsten Kurve von der schmalen Straße ab und saust mit seinem Wagen in einen flachen Tümpel neben der Straße. Bald darauf kommt der alte Mann auf seinem Esel vorbei und ruft dem Wagenbesitzer zu: „Was machen Sie denn da im Wasser, tränken Sie Ihre dreihundert Pferde?“

Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

 

Und (bitte nicht vergessen):
Erst dann, wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht überwindet – erst dann wird es Frieden geben.

 

Denn: Schuldlos schuldig und verraten hängt Jesus zwischen Gott und Welt. Ist in unseren Krieg geraten und macht Frieden, der ewig hält!

 

Dieser Friede sei mit uns allen. Amen.                                                        

Carsten Heß