Grundlagen-Predigt: „Wie die Mission in Europa begann“

„Wie die Mission in Europa begann“

Predigt zu Apg. 16,6-15

von Pfr. Carsten Heß, Idar-Oberstein, www.vitamin-c-online.com, 0171 49 30 49 4

Der für den heutigen Synoden-Eröffnungs-Gottesdienst (am Freitag, 11. November 2011) gewählte Predigttext steht in der Apostelgeschichte des Lukas im 16. Kapitel. Hören wir die Verse 6-15:

„(6) Paulus und Silas und Timotheus zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, weil ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. (7) Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. (8) Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.
(Der Ruf nach Mazedonien)
(9) Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! (10) Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
(In Philippi)
(11) Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis (12) und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. (13) Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
(Die Bekehrung der Lydia)
(14) Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. (15) Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.“

(Kanzelgruß)

Liebe Gemeinde,

hoch geehrte Mitglieder der Kreissynode,

heute Abend sind wir eingeladen, die Geburtsstunde der christlichen Mission in Europa zu betrachten. Überschrift also:

„Wie die Mission in Europa begann“

Spätestens seit der impulsstarken EKD-Synode im Jahr 1999 in Leipzig (und soeben in Magdeburg zum ThemaWas hindert’s, dass ich Christ werde?“ – Missionarische Impulse) – da ist „Mission“ ja Gott sei Dank wieder ein gut wahrgenommenes Thema – und man denkt nicht automatisch und sofort an leidige Vorurteile wie Kulturimperialismus, dünn aufgegossene Bibelauslegung, lieblose Gesetzlichkeit, dogmatische Starrheit, Scheuklappenmentalität und autokratische Leitungsstrukturen.

„Wie die Mission in Europa begann“ – dazu sollen drei Merkmale in den Blick kommen. Wir finden sie auch auf dem ausgeteilten Gottesdienst-Programm.

1.) Die große Ratlosigkeit.

2.) Die beratungsbedürftige Wegweisung.

3.) Der bescheidene Anfang.

 

1.) Die große Ratlosigkeit.

Als der Apostel Paulus zur zweiten Missionsreise aufbricht, da sieht er nicht gerade wie ein Sieger aus. Ihn belastet noch der Groll über den Konflikt mit Petrus und Barnabas. Dennoch startet Paulus – erst mal nur mit Silas, kurz darauf kommt der junge Timotheus hinzu. Ob Lukas auch Augenzeuge war, wissen wir nicht. Jedenfalls war Paulus mit einem Missions-Team unterwegs. Sie hatten sich eine Reiseroute ausgedacht – aber irgendetwas schien daneben zu gehen. In Vers 6 heißt es: „Es wurde ihnen vom Heiligen Geist verwehrt, das Wort zu predigen in der Provinz Asien.“ –

Wir können nicht exakt sagen, was hier geschah: Wir wissen nur: Die Türen waren verschlossen!

Paulus und seine Leute korrigieren daraufhin ihre Pläne: Gut – dann gehen wir eben in die Nordtürkei, und von der Nordtürkei dann in die Nordwesttürkei.

Aber wieder heißt es (Vers 7): „Der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.“

Zum zweiten Mal mussten sie die geplante Reiseroute ändern.

Was ist da los?

Da sind Profis in Sachen Mission unterwegs – sogar mit Dienstanweisung der Jerusalemer „Kirchenleitung“ im Gepäck – aber die Ausgesandten erleben erst mal nur Pleiten, Pech und Pannen. – Was ist da los? – Sind wir denn nicht „im Namen des Herrn unterwegs“? – Haben wir nicht so etwas wie einen Anspruch auf „eingebaute Vorfahrt“? – Mensch, wir tun doch so viel Gutes! Was sollen dann bitte diese lästigen Rot-Phasen (Bedeutungsverlust, Glaubwürdigkeitsverlust, Mitgliederschwund, knappe Finanzen, Mutlosigkeit, Ratlosigkeit…?)

Ratlosigkeit in der Runde – damals wie vielleicht heute auch.

Ratlosigkeit – (?) könnte das  vielleicht auch heißen:

Innehalten, zuhören, Bilanz ziehen, in sich gehen, ins Gebet gehen, nachdenken, nachfragen…?

Wer könnte es sein, der sich uns da vielleicht in den Weg stellt und uns zum Innehalten zwingt? – Und warum?

Mal vorsichtig gefragt:

Könnte vielleicht so manches Stocken und nicht-weiter-Kommen eine von höchster Stelle „genehmigte“ Ratlosigkeit sein? – In dem Sinne vielleicht, dass wir nicht mehr so ganz selbstverständlich und automatisch all das durchsetzen sollen, was bisher so selbstverständlich war? Ich finde diesen Gedankengang sehr gewagt – und selber empfände ich es auch als unangenehm, von mir und meiner Arbeit sagen zu müssen: Der Herr der Kirche stellt sich mir in den Weg! –Dennoch könnte es ja vielleicht sein: Der Herr der Kirche stellt sich uns in den Weg!

Und vielleicht lohnt es sich – damals wie heute – die Ohren und Sinne dafür zu spitzen, welche Fingerzeige und Botschaften im Alltags-Alphabet sich unser Vater im Himmel für uns ausgedacht hat.

Damals in Troas gab es die große Ratlosigkeit. Und was wurde daraus? Daraus wurde nichts Geringeres als ein verheißungsvoller Neuanfang. Neuland. Die einen Türen gingen zu – andere haben sich geheimnisvoll-zielsicher geöffnet.

 

Wir sagten 1.) Die große Ratlosigkeit.

Nun würde ich den zweiten Punkt am liebsten so überschreiben:

Die sonnenklare Wegweisung… – aber ist sie tatsächlich so klar?

Als Junge im Kindergottesdienst hat mich dieser Bibeltext fasziniert: Paulus weiß nicht weiter. Dann hat er einen Traum – und im Handumdrehen ist das Problem gelöst. Ich dachte damals wirklich, das wäre so einfach: Ganz plötzlich kommt da eine Wegweisung nachts im Traum – und auf einmal weiß der Paulus, welcher Weg der Richtige ist – nämlich der nach Mazedonien.

Aber stimmt das denn so? Sind die Fingerzeige von Gott wirklich immer so glasklar und eindeutig?

Einer meiner theologischen Lehrer in Wuppertal hat uns damals auf eine Feinheit aufmerksam gemacht. Martin Luther übersetzt: „Wir waren gewiss, dass uns Gott nach Mazedonien berufen hatte.“ – Aber im griechischen Urtext steht da eben nicht das Wörtchen „gewiss“, sondern es steht da ein Wort, das dem Sinn nach folgendes bedeutet: „Nach gemeinsamer Beratung oder Folgerung wurden wir uns einig, dass uns Gott nach Mazedonien berufen hatte.“

Also: Der Traum gab Anlass zur Beratung!

Und deshalb überschreibe ich den zweiten Gedanken mit den Worten:

 

2. Die beratungsbedürftige Wegweisung.

Der präzise Fachmann und Kenner des Alten Testamentes, Paulus von Tarsus, hat einen Traum. Dabei musste er doch unweigerlich an das denken, was er gelernt hat.  Nämlich dass da zum Beispiel im Buch des Propheten Jeremia steht: Jeremia sagt: „Ich höre es wohl, was die Propheten (also die Berufskollegen) reden, die Lüge weissagen im Namen Gottes und sagen: Ich habe geträumt! Ich habe geträumt. (…) Mein Volk vergisst den Namen Gottes über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt. (…)

Liebe Gemeinde,

solches Hintergrundwissen hat ein geschulter Theologe wie der Paulus natürlich im Kopf. Und damit weiß er, dass nicht jeder x-beliebige Traum gleichzusetzen ist mit einem Fingerzeig von Gott!

Kurz und kernig und nach vorn orientiert:

Paulus berät sich mit seinen Freunden im Glauben. Und ihre Gedanken messen sie an dem, was Gott ihnen denn schon alles in seinem nachlesbaren Wort mitteilen ließ.

Damals wie heute heißt das:

Geistliche Entscheidungen über den Weg der Gemeinde reifen weder im blinden Aktionismus, noch in der allgemeinen Meinung oder im allgemeinen Geschwätz, sondern im geistlichen Gespräch von Glaubensgeschwistern. In einem Team. In einem Kirchenvorstand –  welcher sich hoffentlich nicht entmutigen lässt von einem Zeitgeist, der uns alles weg-blenden und weg-zappen lässt, was gerade zu nerven scheint. – Und dabei hören wir nicht selten die Forderungen nach einer Kirche, in der der „Kunde endlich König“ ist. – Und wenn der Pfarrer/die Pfarrerin etwas macht, was mir nicht passt, dann schwärze ich ihn oder sie eben irgendwie an – oder ich trete ganz einfach aus der Kirche aus und suche mir etwas anderes…

Das ist nun wahrhaftig nicht zum Lachen, liebe Gemeinde – so wie jede Form der Erpressung nicht zum Lachen ist. Denn bei unseren Überlegungen geht es ja nicht um die Frage, wann in der Kirche nun „endlich der Kunde König“ ist (oder noch tragischer: die Pfarrpersonen endlich sowas wie alleinherrschende „Könige“ sind). Königlich an der Kirche ist nur ihre Botschaft und an allererster Stelle der Herr, von dem die Kirche erzählt: Jesus Christus ist die Schlüsselfigur der Weltgeschichte – und als solcher möchte er ernst genommen und bezeugt werden –  nicht als kuschelig „weich gespülter“ Wellness-Berater, sondern als der auferstandene Christus, der hingerichtet wurde, damit die Welt mit Gott versöhnt wird. Das Evangelium möchte uns helfen, als Menschen unterwegs zu sein, die mit Gott, mit uns und auch mit anderen so versöhnt wie möglich leben.

„Wie viel wir vom Evangelium wissen“ (wörtlich zitiert sei hier ein anerkannter Krankenhausseelsorger aus der Bayerischen Landeskirche), „das kann an dem Grad bemessen werden, in welchem Menschen in unseren Gemeinden Lebens- und Glaubenshilfe finden und geben können. Und wie wenig wir davon wissen, das können wir an dem Grad bemessen, in welchem Menschen aus unseren Gemeinden einander das Leben schwer machen und zerstören – vom bösen Gerede bis hin zur kalten Umbarmherzigkeit.“

Das alles positiv gemeindebauend umzusetzen, ist – wie wir alle wissen – gar nicht so einfach. Deshalb wird zugehört und gefragt, kalkuliert und beraten. Immer wieder. Aber mit einem Ziel: Dass unsere Herzen in der Kirche des Jesus Christus ein möglichst ansteckend gesundes zu Hause finden.

Für Paulus und seine Freunde bringt diese Vorgehensweise die klare Sicht nach vorn.

Sie kommen gemeinsam zur Gewissheit: Wir verstehen diesen völlig rational erklärbaren Traum als einen Fingerzeig von Gott her!  /  Wir verstehen diese und jene „Vision Kirche 2020“ als einen Ansporn, dem großen Ziel immer näher zu kommen. Kirche zu erleben und zu gestalten – und damit ein Stück Himmel auf Erden.

Da werden Menschen empfänglich für die vielen kunterbunten Möglichkeiten Gottes, mit denen er uns begegnet. Und damit wird der beratungsbedürftige Fingerzeig zur guten Gewissheit.

Achten wir auf Gottes Fingerzeige in unserem Alltag? Wir dürfen sicher sein: Es gibt sie auch heute noch!

[LIEDSTROPHE]

 

Wir haben erstens gesagt: Die große Ratlosigkeit; 2.) Die beratungsbedürftige Wegweisung.

Und kurz noch:

 

3.) Der bescheidene Anfang.

Da fahren sie also nach Philippi – Hauptumschlagplatz von heidnischer Kultur und Weltanschauung. Nicht mal eine Synagoge gab es da – aber: einen Treffpunkt außerhalb am Fluss.

Doch schon bald entpuppt sich diese Menschengruppe als Frauengruppe. (Ob der Paulus wohl auch so tätig geworden wäre, wenn der Mann aus Mazedonien eine Frau gewesen wäre?)

Schließlich kamen sie ins Gespräch mit ihnen und ihr – mit Lydia, die mit Purpur handelte, jenem Farbstoff, der die Mäntel der Cäsaren und Senatoren schmückte. Und vielleicht ließen sich die Männer sogar haarklein erklären, wie viele Purpur-Schnecken man denn braucht, um ein Gramm dieses violetten Goldes zu gewinnen.

Irgendwann hörte wohl auch die weltgewandte Großhandelskauffrau aufmerksam zu, was die Kirchen-Leute da zu erzählen hatten.

Und vielleicht spürten sie jetzt alle gemeinsam, dass der Geist Jesu wieder bei ihnen war und geheimnisvoll-gemeindebauend wirkte.

Man höre und staune: Plötzlich wird sogar getauft. Gleich mehrere Lebensgeschichten werden „hinein-getaucht“ in die ewige Welt des dreieinigen Gottes. Alles wird neu – durch Christus. Und scheinbar „ganz nebenbei“ war das die Grundsteinlegung für das erste christliche Gemeindezentrum auf europäischem Boden.

Das Christentum wandert in Europa ein und wird sein Denken und seine Geschichte, seine Konflikte und seine Werteordnungen in den kommenden Jahrtausenden maßgeblich prägen. Und diejenigen, die sich bei der Gestaltung der Europäischen Union für einen Hinweis auf diesen christlichen Ursprung eingesetzt haben, die beziehen sich in letzter Konsequenz auf diese Frau und ihre Hausgemeinde.

Wer hätte das gedacht: Nicht diejenigen, die jeden Tag in der Zeitung stehen, bestimmen die Weltgeschichte und die Kirchengeschichte, sondern der, der da ist und der da war und der da kommen wird – und der uns und unsere Gemeinden zuverlässig durch alle Höhen und Tiefen begleiten wird, wenn wir ihn als Herrn und Heiland anerkennen – ihn in unserem Leben die Regie führen lassen – und ihm mit möglichst allem, was wir können und haben, die Ehre geben.

Sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Carsten Heß, Pfr., Idar-Oberstein

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