Die sieben Sendschreiben der Offenbarung des Johannes
Anlass: Bibelwoche Sommer 2010
Orientierungsmanuskript (es gilt das gesprochene Wort)
Pfarrer Carsten Hess
1. Übersicht der sieben Sendschreiben der Offenbarung
Die Kapitel 2 und 3 der Offenbarung enthalten sieben Botschaften Christi an konkrete Gemeinden in der römischen Provinz Asia. Diese Gemeinden liegen in einem geographischen Bogen entlang einer antiken Postroute, die von Ephesus über Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardis und Philadelphia bis nach Laodizea führte. Die Reihenfolge der Sendschreiben folgt wahrscheinlich dieser damaligen Verkehrsroute. Gleichzeitig besitzen die sieben Botschaften eine grundsätzliche Bedeutung für die ganze Kirche, weil die Zahl sieben in der biblischen Symbolik für Vollständigkeit steht. Die sieben Gemeinden spiegeln daher unterschiedliche geistliche Situationen wider, die in allen Zeiten der Kirchengeschichte auftreten können.
Das erste Sendschreiben richtet sich an Ephesus. Die Gemeinde wird für ihre Standhaftigkeit, ihre Arbeit und ihre Fähigkeit gelobt, falsche Lehrer zu erkennen. Sie hat Irrlehren nicht geduldet und sich im Dienst für Christus bewährt. Dennoch spricht Christus eine ernste Diagnose aus: Die Gemeinde hat ihre „erste Liebe“ verlassen. Der anfängliche Eifer und die ursprüngliche Hingabe sind verloren gegangen. Deshalb ruft Christus zur Umkehr auf und fordert die Gemeinde auf, zu den ersten Werken zurückzukehren. Die Verheißung lautet: Wer überwindet, darf vom Baum des Lebens essen, der im Paradies Gottes steht.
Das zweite Sendschreiben gilt der Gemeinde von Smyrna. Diese Gemeinde lebt unter Verfolgung und materieller Armut. Dennoch nennt Christus sie geistlich reich. Er weiß um ihre Bedrängnis und kündigt an, dass weitere Prüfungen bevorstehen. Die Gemeinde wird aufgerufen, treu zu bleiben, selbst wenn dies bis zum Tod führt. Als Verheißung spricht Christus den „Kranz des Lebens“ zu und verspricht, dass der Überwinder keinen Schaden vom zweiten Tod erleiden wird.
Das dritte Sendschreiben richtet sich an Pergamon. Diese Gemeinde lebt in einer Umgebung, die stark vom Kaiserkult geprägt ist und daher als besonders feindlich gegenüber dem christlichen Glauben erscheint. Christus erkennt an, dass die Gemeinde an seinem Namen festgehalten hat, sogar in Zeiten schwerer Verfolgung. Dennoch wird sie ermahnt, weil einige Mitglieder falschen Lehren folgen, die moralische Kompromisse mit der heidnischen Umwelt erlauben. Die Gemeinde soll umkehren und sich wieder klar an Christus orientieren. Die Verheißung für den Überwinder besteht im „verborgenen Manna“ und in einem weißen Stein mit einem neuen Namen.
Das vierte Sendschreiben betrifft Thyatira. Christus lobt diese Gemeinde ausdrücklich für ihre Liebe, ihren Glauben, ihren Dienst und ihre Geduld. Ihre Werke nehmen sogar zu. Gleichzeitig wird jedoch eine ernste Gefahr genannt: Eine falsche prophetische Autorität verführt Teile der Gemeinde zu moralischen und religiösen Kompromissen. Christus fordert die Gemeinde auf, sich von dieser Verführung zu lösen und am Glauben festzuhalten. Wer überwindet, erhält Anteil an der Herrschaft Christi über die Nationen.
Das fünfte Sendschreiben richtet sich an Sardes. Diese Gemeinde besitzt einen guten Ruf und gilt als lebendig. Doch Christus spricht eine erschütternde Diagnose aus: Hinter dem äußeren Anschein liegt geistliche Leblosigkeit. Die Gemeinde wird aufgefordert aufzuwachen, ihre verbleibende geistliche Kraft zu stärken und zur Buße zurückzukehren. Dennoch gibt es auch in Sardes einige wenige, die treu geblieben sind. Ihnen wird zugesagt, dass sie mit Christus in weißen Kleidern gehen werden. Der Überwinder wird im Buch des Lebens stehen und öffentlich von Christus bekannt werden.
Das sechste Sendschreiben gilt Philadelphia. Diese Gemeinde wird nicht getadelt, sondern ausschließlich ermutigt. Obwohl sie nur geringe äußere Kraft besitzt, hat sie das Wort Christi bewahrt und seinen Namen nicht verleugnet. Christus verspricht ihr eine offene Tür, die niemand schließen kann. Außerdem wird ihr Schutz in kommenden Prüfungen zugesagt. Die Verheißung für den Überwinder besteht darin, eine feste Säule im Tempel Gottes zu werden und den Namen Gottes sowie den Namen des neuen Jerusalems zu tragen.
Das siebte Sendschreiben richtet sich an Laodizea. Diese Gemeinde wird scharf kritisiert, weil sie weder kalt noch heiß ist. Christus bezeichnet sie als lau. Die Gemeinde ist materiell reich und fühlt sich sicher, erkennt jedoch ihre geistliche Armut nicht. Christus fordert sie auf, geistlichen Reichtum von ihm zu empfangen und ihre Blindheit zu überwinden. Trotz der ernsten Worte enthält auch dieses Schreiben eine Einladung: Christus steht vor der Tür und klopft an. Wer seine Stimme hört und die Tür öffnet, wird Gemeinschaft mit ihm haben. Der Überwinder erhält Anteil an der Herrschaft Christi auf seinem Thron.
2. Theologische Bedeutung der sieben Sendschreiben für die Kirche aller Zeiten
Die sieben Sendschreiben der Offenbarung haben eine Bedeutung, die weit über ihre ursprünglichen historischen Gemeinden hinausgeht. Sie zeigen grundlegende geistliche Situationen, die im Leben der Kirche immer wieder auftreten.
Erstens zeigen die Sendschreiben, dass Christus seine Gemeinde genau kennt. In jedem Schreiben beginnt er mit den Worten: „Ich kenne deine Werke.“ Christus ist nicht nur der Herr der Weltgeschichte, sondern auch der Herr seiner Kirche. Er sieht ihre Treue, ihre Schwächen und ihre Versuchungen.
Zweitens zeigen die Sendschreiben, dass Gemeinden sehr unterschiedliche Herausforderungen erleben können. Einige Gemeinden stehen unter äußerer Verfolgung, wie Smyrna. Andere kämpfen mit innerer Verführung, wie Thyatira. Wieder andere leiden unter geistlicher Trägheit oder Selbstzufriedenheit, wie Laodizea. Die Offenbarung macht deutlich, dass die Kirche nicht nur durch äußere Gegner gefährdet wird, sondern auch durch innere geistliche Probleme.
Drittens zeigen die Sendschreiben, dass Christus seine Gemeinde sowohl lobt als auch korrigiert. Wo Treue vorhanden ist, wird sie anerkannt. Wo Fehlentwicklungen auftreten, ruft Christus zur Umkehr. Diese Kombination aus Ermutigung und Mahnung gehört zum geistlichen Leben der Kirche.
Viertens enthalten alle Sendschreiben eine Verheißung für den „Überwinder“. Damit wird deutlich, dass das christliche Leben als ein Weg der Treue verstanden wird, der durch Herausforderungen hindurchführt. Wer an Christus festhält, erhält Anteil an der kommenden Herrlichkeit.
Schließlich zeigen die Sendschreiben, dass die Geschichte der Kirche immer auf die endgültige Gemeinschaft mit Christus ausgerichtet ist. Die Verheißungen sprechen vom Baum des Lebens, vom neuen Namen, von weißen Kleidern, vom neuen Jerusalem und von der Teilhabe an der Herrschaft Christi. Diese Bilder führen die Hoffnung der Kirche auf die neue Schöpfung hin.
So bilden die sieben Sendschreiben eine geistliche Einführung in die ganze Offenbarung. Sie zeigen, dass die Geschichte der Welt und die Geschichte der Kirche letztlich auf den Sieg Christi und auf die Vollendung des Reiches Gottes zulaufen.