Das Buch Hiob

Das Buch Hiob gehört zur Weisheitsliteratur des Alten Testaments. Es steht in einer Reihe mit Texten, die nach gelingendem Leben, Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Schuld, Leid und Wahrheit fragen. Bei Hiob geschieht das allerdings mit einer Wucht, die bis heute verstört.

Dieses Buch liefert keine fromme Beruhigungstablette. Es führt in einen geistlichen Gerichtssaal, in eine offene Wunde, in ein Ringen mit Gott, das jedem oberflächlichen Glauben die Luft nimmt.

Ob Hiob als historische Einzelperson gelebt hat oder ob das Buch eine weisheitliche Lehrerzählung mit dichterischer Gestaltung ist, kann offenbleiben. Beides beschädigt die Wahrheit des Textes nicht. Entscheidend ist: Hiob steht in der Bibel als Zeuge und für einen Menschen, der Gott fürchtet, gerecht lebt und dennoch in tiefstes Leid gerät. Damit trifft das Buch eine der ältesten und schwersten Fragen der Menschheit: Was trägt der Glaube, wenn das Leben nicht mehr aufgeht?

Der Anfang des Buches wirkt auf heutige Leser besonders fremd. Im himmlischen Rat tritt der Satan auf. Im Hebräischen steht hier zunächst nicht der spätere Teufel als Gegengott, sondern „der Ankläger“, eine Gestalt im Hofstaat Gottes, die Hiobs Frömmigkeit infrage stellt. Die entscheidende Frage lautet: Dient Hiob Gott nur, weil es ihm gut geht? Ist Glaube bloß berechnete Dankbarkeit für Wohlstand, Gesundheit und Ansehen? Oder gibt es eine Gottesfurcht, die tiefer reicht als der Nutzen?

Damit ist das Thema gesetzt. Hiob verliert Besitz, Kinder, Gesundheit und Ansehen. Seine Frau ist verzweifelt. Seine Freunde kommen zunächst richtig: Sie schweigen sieben Tage. Das ist wahrscheinlich ihr bester Beitrag. Später reden sie zu viel. Sie vertreten eine theologisch bekannte Position: Wer leidet, muss etwas verschuldet haben. Gott ist gerecht, also muss Hiob irgendwo falsch liegen. Diese Theologie klingt ordentlich, logisch, bibelfest und fromm. Gerade darin liegt ihre Gefahr. Sie macht aus einer allgemeinen Wahrheit ein grausames Urteil über einen konkreten leidenden Menschen.

Das Hiobbuch zerschlägt den einfachen Tun-Ergehen-Zusammenhang. Es bestreitet nicht, dass Schuld Folgen haben kann. Aber es widerspricht der bequemen Rechnung: Gutes Leben ergibt Glück, schlechtes Leben ergibt Unglück. Hiob ist kein heimlicher Verbrecher. Sein Leid lässt sich nicht sauber aus seiner Vergangenheit ableiten. Genau deshalb wird das Buch so unbequem. Es nimmt dem Menschen die Macht, fremdes Leid schnell zu erklären.

Hiob selbst bleibt nicht stumm. Er klagt, fragt, widerspricht, ringt mit Gott. Seine Worte sind manchmal kühn, scharf, beinahe unerträglich. Aber die Bibel bewahrt diese Worte. Das ist wichtig. Gott hält ehrliche Klage eher aus als frommes Gerede, das am Leidenden vorbeiredet. Hiob verliert viel, aber er verliert nicht die Adresse seines Schreis. Er redet mit Gott. Selbst seine Anklage bleibt auf Gott bezogen.

Einer der stärksten Sätze des Buches steht in Hiob 19,25:
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“

Das hebräische Wort meint den „Löser“, den Beistand, den Rechtshelfer, den nächsten Verwandten, der für einen Entrechteten eintritt. Im unmittelbaren Zusammenhang hofft Hiob auf einen lebendigen Zeugen, der seine Sache nicht im Staub liegen lässt. Christlich gelesen bekommt dieser Satz eine wunderbare Weite. Der Erlöser, nach dem Hiob tastet, bekommt im Evangelium einen Namen: Jesus Christus. Der Gekreuzigte steht an der Seite der Leidenden. Der Auferstandene ist stärker als Tod, Schuld und letzte Verlassenheit.

Die Gottesreden am Ende beantworten Hiobs Fragen nicht im Stil einer theologischen Musterlösung. Gott erklärt Hiob nicht den himmlischen Prolog. Gott legt auch keinen Plan vor, in dem jedes Leid seinen sauberen Platz bekommt. Stattdessen führt Gott Hiob in die Weite der Schöpfung: Erde, Meer, Morgenlicht, Tiere, Kräfte, Ordnungen, Geheimnisse. Hiob erkennt: Die Welt ist größer als sein Blick. Gottes Wirklichkeit reicht weiter als menschliche Deutungen. Das ist keine Demütigung eines gebrochenen Menschen, sondern eine heilsame Erweiterung seines Horizonts.

Am Ende wird Hiob von Gott ausdrücklich anders beurteilt als seine Freunde. Die Freunde haben vieles Richtiges über Gott gesagt und doch falsch geredet, weil sie ihre Sätze gegen den Leidenden verwendet haben. Hiob hat gewagt, mit Gott zu streiten, und blieb damit näher an der Wahrheit als jene, die Gott verteidigen wollten und dabei den Menschen verloren.

Was soll also das Buch Hiob?

Es bewahrt uns vor billigen Antworten. Es gibt Leidenden eine Sprache. Es warnt vor frommer Rechthaberei. Es zeigt, dass Glaube auch dann Glaube bleibt, wenn Gewissheiten zerbrechen. Und es öffnet den Blick auf den Erlöser, der lebt.
Hiob ist darum kein Buch für religiöse Feinschmecker. Es ist ein Buch für Menschen, die schon erlebt haben, dass das Leben nicht aufgeht. Für alle, die mit Gott ringen und trotzdem nicht von Gott loskommen. Für alle, die im Staub sitzen und noch einen Satz brauchen, der stärker ist als ihre Nacht: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Zeitschriftenartikel von Oktober 2010 (Rohversion ohne Zwischenüberschriften)
Pfarrer Carsten Hess, Adelboden (Kanton Bern)