Volkstrauertag vor 25 Jahren

In der großen Trauerhalle in der Nähe von Köln waren sämtliche Ortsvereine und Initiativen versammelt: Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr-Delegation, VdK, Schützenverein, Heimatverein, Posaunenchor, Männerchor, Frauenchor.

Feierliche ökumenische Veranstaltung. Jedes Jahr wechselnde Sprecher.

Wir gedachten der Opfer von Gewalt und Krieg:

Kinder, Frauen und Männer aller Völker – Täter und Opfer!

Der katholische Kollege hatte es mir vorher zugeflüstert: Lieber Bruder, wenn Du in diesem Jahr die Laudatio hältst, dann musst Du wissen: Da sitzen nicht nur überzeugte Pazifisten, sondern auch ehemalige Nazis.

Ich begann mit einem Zitat von Francois Mitterand, das dann korrespondierte mit Auszügen aus einer Botschaft von Gustav Heinemann.

Ganz zum Schluss habe ich dann aus einer Fernsehansprache von Billy Graham zitiert, bei denen mir fast das Blut in den Adern stockte, weil Billy Graham über so eine gigantische Weisheit verfügte.

Mittendrin habe ich nur ein schlichtes persönliches Beispiel erzählt:

Es war im Jahr 1944. Meine Mutter war gerade 5 Jahre alt. Ein Kind, das um ihre Kindheit betrogen wurde – und dennoch fröhlich und zuversichtlich sein durfte – bis heute.

Dieses kleine 5jährige Mädchen wird eine Szene jedoch niemals vergessen: Sie bestaunte zusammen mit einer ihrer Schwestern gerade die frisch geborenen vier Wochen alten kleinen Kätzchen. Mitten im Krieg – und dennoch ein friedliches Bild – vom neuen Leben.

Aber nicht mehr lange.

Denn da kam ein streng uniformierter Mann in die Nähe des Hofes. Er suchte meine Großmutter. Meine Mutter und meine Tante haben ihn dann zum Haus geführt.

Dieser Mann hatte ein großes Bild unter dem Arm.

Selbiges überreichte er meiner Großmutter dann mit ernster Miene. Sofort hat meine Großmutter die beiden Kinder herausgeschickt.

Was dann geschah, hat meine Mutter viel später erst erfahren. Der Uniformträger hatte gesagt: „Verehrte Frau, Sie können stolz sein, Ihren ältesten Sohn fürs Vaterland geopfert zu haben!“

Und dann sprach er den Gruß, der damals dazugehörte.

Meine Großmutter zögerte einen Augenblick.

Dann nahm sie in Gegenwart des Uniformierten das bedrohliche Hitlerbild – und zerhackte es mit einer Axt.

„Mensch“ – denken wir – „das hätte sie doch Kopf und Kragen kosten können!“

Zum „Glück“ hatte der Uniformträger inmitten aller Dienstpflicht dennoch Verständnis dafür. Er hat meine Großmutter nur kurz ernst angeschaut. Dann verschwand er im Nebel.

Und die Familie war mit ihrer Trauer allein.

Aber sie war gehalten im Glauben an den Sieger von Golgatha/ an den Versöhner/ den Mann am Kreuz mit seinen ausgebreiteten Armen.

Zurück in die Trauerhalle am Volkstrauertag 2000.

Inmitten der vielen Menschen fiel er mir auf – der über 90jährige Mann, der sich während der Veranstaltung sichtlich bemühte, ganz unauffällig dreinzuschauen.

Doch ganz am Schluss nach den Kranz-Niederlegungen fing er mich ab:

„Herr Pastor, entschuldigen Sie bitte, hätten Sie Zeit für ein kurzes Gespräch?“

„Na klar!“, sagte ich.

Doch was dann im Laufe des Seelsorge-Gespräches kam, das hat mich bis ins Mark hinein erschüttert.

Bei dem 90-Jährigen handelt es sich um einen ehemaligen strammen Nazi. Und im Fortgang des Gespräches laufen ihm die Tränen, weil er in all den vielen Jahren NIE darüber zur Ruhe gekommen ist. Er hatte genauso wie jener Uniformträger mit einem Hitler-Bild unterm Arm Todesnachrichten zu überbringen. Und an jenem Volkstrauertag da lief alles wie ein Film vor seinem inneren Auge ab.

Und der damals noch junge Pastor Carsten Heß hört zu – und überlegt, was man uns für solche Fälle in unseren langen Ausbildungsjahren beigebracht hat.

Wie so oft in solchen Situationen kommt mir aber nur die Jugendarbeit in den Sinn, in der ich aufgewachsen bin.

Da haben wir so was gelernt.

Von Ulrich Parzany, Brunhilde und Jürgen Blunck, Heidi Butzkamm, Konrad Eißler, Heidi Krause, Paul Deitenbeck, Monika-Deitenbeck-Goseberg, Johnny Jaworski, Horst-Armin Eickel, Johannes Hansen, Axel Kühner und von vielen anderen mutigen Reich-Gottes Leuten – allesamt ohne wissenschaftliche Ehrentitel. Alle ganz bewusst ohne Sterne auf den Schultern. „Karriere“ wollten sie nur im Reich Gottes machen. Denn „wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“ (Mt 20,26f).

Zurück zum über 90jährigen Ex-Nazi, der erstmals so nah dran war, alles – so wie er sagte – „in Ordnung“ zu bringen.

Tatsächlich haben wir das alles vor Gott gebracht.

Die ganze bedrückende Vergangenheit.

Da wurde noch in hochbetagten Jahren ein Leben vertrauensvoll in die Hände Gottes gelegt.

Und alle hohe Theologie war so wirkungslos.

Aber Gottes Geist war so faszinierend wirksam!

Die Tränen – die waren vielleicht sogar von Gott gewirkt.

Manchmal kommen Gottes Stunden ganz überraschend:

Der über 90jährige Ex-Nazi zB hatte wohl kaum gedacht, dass er an jenem Volkstrauertag aus seinem Versteck hervorgeholt würde und eine lebensverändernde Begegnung mit Gott erfährt.

Am Buß- und Bettag ein paar Tage später saß der alte Mann dann plötzlich im Gottesdienst. Mit Tränen in den Augen hat er das Abendmahl mit uns gefeiert – und es als Zeichen des Neuanfangs erlebt.

Am Ausgang beim Verabschieden hat er mich vorsichtig aber fest in den Arm genommen.

„Friede sei mit dir!“ – so habe ich es ihm dann zusprechen dürfen.

„Friede sei mit dir!“ – möchten Sie und möchtet ihr das heute auch erleben?

Wir alle sehnen uns doch so sehr nach Frieden/ nach geheilten Beziehungen – und nach dem Bruch mit den dunklen Kapiteln unseres Lebens.

Was ist heute für ein Tag?

Ist heute ein Tag, an dem der dreieinige Gott ein neues Kapitel in unserem Lebensbuch eröffnen wird?