Komma-Koma, Kasus-Krampfadern, Konjunktiv-Karies – oder: Ein satirischer Großangriff auf die Verwahrlosung der deutschen Schriftsprache .
Man muss heute keine Drogen nehmen, um Halluzinationen zu erleben. Es reicht, eine deutsche E-Mail zu öffnen. Was dort steht, sieht aus wie Sprache, klingt wie Sprache, tarnt sich als Sprache – ist aber in Wahrheit Satz-Schutt, Schreib-Schrott, Syntax-Sabotage. Das ist kein Sprachwandel. Das ist Orthografie-Obdachlosigkeit, Grammatik-Gammel, Syntax-Selbstzerstörung. Texte werden nicht mehr formuliert, sie werden zusammengetippt, zusammengeklebt, zusammengekratzt. Gedanken werden nicht mehr geführt, sie werden verzogen, verworfen, verwurstet. Was bleibt, ist Prosa mit Pseudo-Präzision: viel Geräusch, wenig Gehalt.
Der Skandal ist nicht der Fehler. Der Skandal ist die Haltung. Regeln gelten als Relikt. Korrektur als Kränkung. Präzision als Provokation. Sorgfalt als soziale Straftat. Wer ein Komma setzt, gilt als Kontrollfreak. Wer „dass“ beherrscht, als Verdachtsfall. Wer freundlich korrigiert, als Zumutung. Wer alles falsch macht, bekommt Applaus, weil er oder sie „wenigstens echt“ sei.
Echt wovon? Echt unlesbar. Echt unglaublich.
Tatort 1: Universität
Betreff: Wichtige Infos zur Prüfungsanmeldung
„Bitte melden sie sich bis freitag an da sie sonst nicht teilnehmen können.“
[Korrekt wäre: Bitte melden Sie sich bis Freitag an, da Sie sonst nicht teilnehmen können.]
Man liest das. Man sieht den Doktortitel in der Signatur. Und man weiß: Hier wurde promoviert – aber nicht in Sprache.
Tatort 2: Behörde
„Ihr Antrag wurde abgelehnt da die Unterlagen nicht vollständig waren. Bitte reichen sie diese nach.“
[Korrekt wäre: Ihr Antrag wurde abgelehnt, da die Unterlagen nicht vollständig waren. Bitte reichen Sie diese nach.]
Amtlich im Ton, amateurhaft im Takt. Aktenzeichen vorhanden, Akkusativ abhanden.
Tatort 3: Personalabteilung
„Wir würden uns freuen wenn sie uns ihr Profil zusenden würden, gerne mit Gehaltsvorstellung.“
[Korrekt wäre: Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Ihr Profil zusenden würden, gerne mit Gehaltsvorstellung.]
Der Satz lächelt höflich – aber stolpert über seine eigene Syntax.
Und jetzt zu den Klassikern, die nicht sterben, sondern wuchern:
das/dass – die Begründungs-Barbarei.
„Ich glaube das du recht hast.“
Nein. Du glaubst nicht das. Du glaubst, dass du glaubst. Hier geht es nicht um Buchstaben, hier geht es um Denkarchitektur. Wer Haupt- und Nebensatz nicht mehr trennt, trennt oft auch nicht mehr Behauptung und Begründung, Urteil und Ursache, Argument und Affekt. Der Nebensatz wird nicht gebaut – er wird beseitigt. Übrig bleibt Satzbau mit Sinn-Attrappe.
seit/seid – die Zeitzeichen-Zerrüttung.
„Seid gestern krank.“ – „Seit ihr schon da?“
[Korrekt wäre: Seit gestern… & Seid ihr schon da?]
Nicht Verwechslung, sondern Verwahrlosung. Zeit wird zur Nebensache. Chronologie zur Chiffre. Tempus zur Temperamentsfrage.
Begleitet von Dauer-Desastern:
wider/wieder, scheinbar/anscheinend, als wie, einzigste, zumindestens –
Wörter wie Stolpersteine, nur ohne Lerneffekt.
ß/ss – besorgniserregende Bedeutungs-Beschädigung.
„Ich weis“, „der Fluß“, „grösser“.
[Korrekt wäre: ich weiß – der Fluss – größer]
Ein Zeichen kippt Sinn. Fuß wird Fluss. Maß wird Mass. Orthografie ist keine Zier, sie ist Semantik-Sicherung. Nur: Die Sicherung ist draußen, der Sinn macht den Kurzschluss.
Tatort 4: Supermarkt
Schilder über der Kühltheke:
„Haus Gemachte Salate“
„Frischer Fisch Filet“
„Kinder Überraschung Eier“
[Korrekt wäre: Hausgemachte Salate. Frisches Fisch-Filet / Fischfilet. Kinderüberraschungs-Eier.]
Die deutsche Sprache, eigentlich Weltmeisterin im Zusammenbauen, wird hier zur Spaltwort-Seuche. Wörter werden auseinandergezogen, bis deren Bedeutung alarmierend ausfranst.
Parallel der Klassiker der Kassenbereiche: Der Deppenapostroph (ja, so wird er tatsächlich „offiziell“ genannt – krass…)
„Mandy’s Nails“
„Karl’s Kneipe“
„Andrea’s Hair Lounge“
[Korrekt wäre: Mandys nails. Karls Kneipe. Andreas Hair-Lounge.]
Ein Häkchen als Hochstapelei. Ein Satzzeichen als Stilruine. Orthografischer Botox für Bildungsfassaden.
Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass der Duden sich in nächster Zeit ergeben und jenen Apostrophen in Kürze zumindest anteilig tolerieren könnte.
Und über allem: das Komma-Koma.
Entweder keins:
„Wenn du morgen Zeit hast komm vorbei wir reden dann.“
Oder überall:
„Ich, wollte, nur, kurz, fragen.“
[Korrekt wäre: Wenn du morgen Zeit hast, komm vorbei. Wir reden dann. & Ich wollte nur kurz fragen.]
Der Leser wird zum Lektor. Der Lektor zum Logopäden. Der Logopäde zum Leidtragenden. Aus Lesefluss wird Lesestau. Aus Sinn wird Stottern auf Papier.
Kasus-Kollaps – Fallflucht in Reinform.
„…wegen dem Wetter“
„…dem Lehrer sein Auto“
„…das Buch von meinem Vater“
[Korrekt wäre: Wegen des Wetters. Des Lehrers Auto – oder das Auto des Lehrers. Das Buch meines Vaters.]
Der Dativ wird deformiert. Der Genitiv wird entsorgt. „Von“ räumt den Rest weg wie ein Staubsauger ohne Filter. Sprachliche Leichtbaustatik: Es steht noch – aber jede Belastung knackt.
Tatort 5: WhatsApp-Elternchat
„Also wir sind seid 3 Tagen krank und können nicht kommen weil das wetter schlecht ist…“
[Korrekt wäre: Wir sind seit drei Tagen krank und können nicht kommen, weil das Wetter schlecht ist – und wir sind in einigen Bereichen ebenfalls grottenschlecht…]
Vier Fehler. Ein Emoji. Keiner korrigiert. Zivilisatorischer Totalausfall im Taschenformat.
Tatort 6: LinkedIn
„Proud to announce das ich ab sofort Head of Sales bin! Danke an alle die mich begleitet haben…“
Karrierekommunikation als Kasus-Kollateralschaden mit Emoji-Ersatzreligion.
Tatort 7: Speisekarte
„Rinder Filet mit Kräuter Butter“
„Haus Gemachte Spätzle“
„Schoko Souce zum Dessert“
[Korrekt wäre: Rinderfilet mit Kräuterbutter. Hausgemachte Spätzle. Schokosoße zum Dessert.]
Kulinarische Kompetenz, orthografische Insolvenz. Das Auge isst mit – und bekommt Magenkrämpfe.
Tatort 8: Stellenanzeige
„Wir suchen einen motivierten Mitarbeiter der selbständig arbeiten kann und der Lust hat Verantwortung zu übernehmen.“
[Korrekt wäre: Wir suchen eine/n motivierte/n Mitarbeiter/in, der/die selbstständig arbeiten kann und Lust hat, Verantwortung zu übernehmen.]
Ein Satz ohne Komma. Ein Job ohne Grammatik. Ein Arbeitgeber ohne Gewissen.
Tatort 9: Social-Media-Post
„Wenn ihr noch Fragen habt schreibt uns gerne wir melden uns dann zeitnah zurück… Wir freuen uns auf euch und euer Feedback das hilft uns sehr!!!!!!“
[Korrekt wäre: Wenn ihr noch Fragen habt, schreibt uns gern. Wir melden uns dann zeitnah zurück. Wir freuen uns auf euch und euer Feedback. Das hilft uns sehr!]
Gefühlte zehn Ausrufezeichen. Kein einziger Gedanke. Das ist keine Kommunikation – das ist Interpunktion im Ausnahmezustand.
Tatort 10: Schul-Website
„Unsere Schule legt großen Wert auf Bildung, Toleranz und das alle Kinder gefördert werden egal woher Sie kommen oder was sie können.“
[Korrekt wäre: Unsere Schule legt großen Wert auf Bildung und Toleranz – und dass alle Kinder gefördert werden, egal woher sie kommen oder was sie können.]
Ein pädagogischer Anspruchssatz. Ein grammatischer Totalschaden. Hier scheitert nicht nur Deutsch – hier scheitert das Bildungsversprechen gleich mit.
Tatort plus:
„Das Waschmittel ist beim LIDL billiger wie beim Aldi.“
NEIN. NEIN. NEIN!
Denn GLEICHES wird mit „wie“ verglichen.
VERSCHIEDENES mit „als“. Drittes Schuljahr Grundschule.
Also: „…schneller ALS du“ – „…so groß WIE du“!
Und dann, zuverlässig wie ein „Strategie-Update“: das Gender-Sternchen.
Nicht sparsam gesetzt, sondern als Rhythmus-Raspel:
„Liebe Kolleg*innen: Bitte wenden Sie sich an Ihre Ansprechpartner*innen der zuständigen Fachabteilung*innen.“
Kurz genug, um es zu ertragen. Kantig genug, um den Satzfluss zu verletzen. Der Inhalt banal. Die Form bockig. Man stolpert nicht über Gedanken, sondern über Zeichen.
Und jetzt der eigentliche Witz: Diese Fehler werden nicht mehr korrigiert.
Sie werden verteidigt. Schlamperei gilt als Stil. Schludern als Charme. Ahnungslosigkeit als Authentizität. Präzision als Provokation. Sorgfalt als Sünde. Wer korrekt schreibt, gilt als pedantischer Problemfall. Wer falsch schreibt, gilt als cooler Kommunikator. Das ist keine Lockerung der Sprache. Das ist ihre Liquidierung mit Applaus.
Das Finale
Die deutsche Sprache stirbt nicht an zu viel Wandel. Sie stirbt an zu wenig Widerstand. Sie wird nicht reformiert. Sie wird vernachlässigt. Sie wird nicht befreit. Sie wird verballert. Sie wird nicht vereinfacht. Sie wird verflacht. Sie wird nicht modernisiert. Sie wird misshandelt. Nicht von Analphabeten. Sondern von Akademikern mit Autokorrektur. Nicht von Außenseitern. Sondern von Amtsträgern mit Outlook-Signatur. Nicht von Jugendlichen. Sondern von Erwachsenen mit Hochschulabschluss und sprachlicher Teil-Amnesie.
Eines Tages werden wir auf diese Zeit zurückblicken und sagen:
Wir hatten Wörter.
Wir hatten Regeln.
Wir hatten Grammatik.
Wir hatten Syntax.
Wir hatten Semantik.
Wir hatten alles, um präzise zu denken und klar zu schreiben.
Wir haben uns trotzdem entschieden, schlampig zu formulieren, fahrlässig zu fabulieren und gedankenarm zu tippen. Nicht, weil wir es nicht konnten. Sondern weil wir zu bequem waren, es noch zu wollen.
Und dann wird man uns nicht vorwerfen, dass wir Fehler gemacht haben. Man wird uns vorwerfen, dass wir sie verteidigt haben.
Das ist kein Sprachwandel, dem sich Bildung und Erziehung widersatndslos beugen sollten.
Das ist Denkverzicht mit Tastatur und Sendungsbewusstsein.
Und das ist keine Stilfrage.
Das ist ein Zivilisationsschaden.
Carsten Heß, im Januar 2025