Pfingsten 2026

Predigt zu Apostelgeschichte 2 (in Auswahl) – von Pfr. Carsten Heß –

Liebe Gemeinde!

Die Pfingsfeiertage kann man irgendwie mit Hochzeitstagen vergleichen:

Beim allerersten Fest gab es noch spektakuläre Begleit-Erscheinungen:

Pfingst-Brausen, Wind, Feuerzungen, Sprachwunder usw.
– oder auf die Hochzeit übertragen:
Beim allerersten Hochzeitstag gabs noch n spektakuläres Brautkleid mit Brautstrauß. Hinzu kam Tortenstress und Verwandtschaftslogistik im Ausnahmezustand.

Aber beim 14. oder 21 Hochzeitstag da fehlt dann
der hupende Autokonvoi durchs Dorf.
Da verteilt niemand mehr
farbenfrohe Tücher für Freudentränen.
Da hält kein Onkel mehr eine Rede, gegen die selbst das atl. Buch Jesaja (mit seinen 66 Kapiteln) wie eine kernig-begrenzte Kurz-Botschaft wirkt.

Aber: Da ist hoffentlich noch Liebe.

Und wenn alles gut gegangen ist, dann ist diese Liebe inzwischen sogar tiefer und fester geworden.
Dann hat sie schwere Jahre überstanden. Krankheiten ausgehalten. Streit überlebt. Enttäuschungen ertragen. Finanzielle Sorgen durchgestanden.
Dann unterstützt man sich gegenseitig nicht nur an strahlenden Tagen. Sondern auch an schweigsamen. An den müden. In den verwundbaren Stunden des Lebens.

Nochmal:

Die spektakulären Begleiterscheinungen vom Anfang (also das beeindruckende Bremborium vom ursprünglichen Hochzeits-Ereignis) — das alles ist wahrscheinlich längst verschwunden, …
…aber: Der Inhalt – der ist hoffentlich stärker und beständiger geworden.

So ähnlich verhält sich das auch mit Pfingsten:
Meistens kommen die spektakulären Begleiterscheinungen vom allerersten Pfingst-Fest nicht mehr so vor wie damals.

Aber der Inhalt von Pfingtsen: der ist noch da,
nämlich der Heilige Geist.
Darum lautet die entscheidende Frage an Pfingsten nicht: „Wo bleiben denn heute die großen Wunderzeichen?“

Sondern: Ist Gottes Geist noch unter uns wirksam?

Denn eine Kirche kann organisatorisch perfekt aufgestellt sein – und innerlich trotzdem geistlich austrocknen wie eine Blumenwiese im Hochsommer.

Man kann
Gremien gründen,
Strukturprozesse standardisieren,
Gebäude generieren
Papiere patentieren,
Fusionen verwalten
Teams trainieren
Auswertungen anschauen
– und gleichzeitig die eigentliche Kraft verlieren.

Genau deshalb beginnt Pfingsten mit Menschen, die irgendwie leer geworden sind.

Drei Impulse dazu:

1. Der Heilige Geist erfüllt die leeren Christen!
„Alle wurden erfüllt mit dem Heiligen Geist.“
Erfüllt.
Nicht nur emotional bewegt wie nach einem erhebenden Gemeinschaftserlebnis mit knisterndem Kaminfeuer.

Das griechische Wort, das hier steht (…) meint: angefüllt, durchdrungen, ergriffen bis ins Innerste.

Und ja; leer waren sie:
Die Freunde von Jesus sitzen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten so ähnlich da wie Menschen im Wartesaal der Weltgeschichte.

Jesus ist nicht mehr sichtbar. Die Zukunft ist ungewiss. Draußen wächst Widerstand.
Drinnen überfordert Unsicherheit.
Die Freunde von Jesus haben Ostern erlebt – aber sie wirken noch nicht wie Oster-Leute.

Und offen gesagt:
So ähnlich ka-pi-tu-lier-en Christenmenschen bis heute.
Da sind verzagte Verwalter
statt
zuverlässiger Zeugen.

Und genau dort hinein platzt Pfingsten.

Gott schwebt nicht dekorativ über den Wolken. Gott sucht Wohnung bei den Menschen.
Unser Herz soll sein Tempel werden.
Unser Denken sein Wirkungsraum.
Unser Alltag sein Einsatzgebiet.

Der Geist Gottes kommt wie Wind.
Und Wind ist in der Bibel nie nur Wetterlage.
Der Geist Gottes schwebt schon am Anfang der Schöpfung über dem Chaos. Geist – Ruach – Gottes Lebens-Atem.
Und Feuer ist in der Bibel ebenfalls kein
defensiv-erfolgloser Dekorations-Effekt.
Feuer steht für Gottes gigantisch-geniale Gegenwart:
der brennende Dornbusch,
die Feuersäule in der Wüste,
der Berg Sinai voller Rauch und Erschütterung.

Pfingsten bedeutet: Der lebendige Gott handelt spürbar mitten unter den Menschen.

Kalte Herzen werden warm.
Mutlose Menschen mixen Meister-Melodien.
Leere Leute lancieren Lebens-Lust.

Pfingsten ist Gottes majestätische Gegen-Maßnahme, wenn alles abzusterben anfängt.
Wenn Menschen innerlich weinen, dann tröstet Gottes Geist. ·
Wenn Zweifel alles verdunkeln, dann schenkt Gottes Geist neue Gewissheit. ·
Wenn Worte fehlen, dann springt Gottes Geist ein. ·
Wenn Menschen ausgebrannt sind, dann entzündet der Geist neues Leben.

Was ist also der Inhalt von Pfingsten? Was bewirkt der Heilige Geist?

(1. Der Heilige Geist erfüllt die leeren Christenmenschen!)
2. Der Heilige Geist öffnet den Christen den Mund!

Vor Pfingsten hocken die Jünger hinter verschlossenen Türen:
Bloß nicht auffallen. Nicht entdeckt werden oder gar an-ecken.

Dann kommt Pfingsten.

Und plötzlich stehen dieselben lausig-lustlos-leisen Leute mitten auf dem Marktplatz.

Das ist eines der größten Wunder der Apostelgeschichte:
Nicht zuerst die fremden Sprachen  oder das Brausen  oder die Feuerzungen.

Sondern: dass aus verängstigten Menschen öffentliche Zeuginnen und Zeugen werden!

Petrus predigt.
Derselbe Petrus, der wenige Wochen zuvor schon nervös geworden war, als eine einfache Entdeckerin ihn auf Jesus ansprach:
„Hey, du gehörst doch auch zu diesem Jesus!“
Und Petrus antwortet: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“

Aber HIER steht derselbe Petrus öffentlich vor Tausenden von Menschen in Jerusalem.
Nicht gestylt wie ein kirchlicher Kommunikations-Kommissar.
Sondern gepackt vom Geist Gottes.
Der Angsthase wird zum Zeugen.
Der Verleugner zum Verkündiger.
Der Wackelkandidat zum Wortführer.

Und plötzlich reden Menschen nicht mehr dauernd nur von sich selbst.

Das ist ja die lustvolle Lieblings-Liturgie unserer Zeit: die Dauerpredigt des eigenen Ego-s.

Überall Selbstdarstellung und Eigenwerbung.
So viel bedauernswertes Bemühen, irgendwie Bedeutung zu bekommen.

Pfingsten befreit von diesem ermüdenden Kreisen um das eigene Ego.

Denn plötzlich reden Menschen von Gottes großen Taten.
Nicht mehr von banaler Bauchnabel-Betrachtung.
Oder von fantastisch-vorzeigbarer Vielwortigkeits-Frömmigkeit.
Nicht von ihrer moralisch-rigorosen Multi-Resistenz.
Oder von ihrer religiösen Radioaktivität.

Sondern von Christus.
Von Auferstehung. Von Vergebung. Von Hoffnung. Von Rettung.

Und das ist zuweilen bis heute die eigentliche Krise vieler Kirchen:
nicht zu wenig Struktur,
sondern zu wenig geistliche Substanz und Sprachfähigkeit.

Pfingsten macht die Christenmenschen sprachfähig.
Lebendig. Mutig. Klar.
Nicht aggressiv, fanatisch oder rechthaberisch.
Sondern voller innerer Gewissheit.

Wir brauchen Christinen und Christen, die nicht nur religiöse Floskeln reproduzieren, sondern wirklich etwas von Gottes großen Taten zu sagen haben:

Von Trost mitten im Leid.
Von Bewahrung in Krisen.
Von Hoffnung trotz Pessimismus.
Von Gebetserhörungen.
Von der Kraft der Vergebung…

Denn überall, wo von Gottes großen Taten erzählt wird, da gewinnt die Welt eine majestätische Menge von ihrer schöpferischen Schönheit zurück.

Was ist also der Inhalt von Pfingsten? Was bewirkt der Heilige Geist?

(1. Der Heilige Geist erfüllt die leeren Christenmenschen!)
(2. Der Heilige Geist öffnet den Christen den Mund!)
3. Der Heilige Geist schafft Verständigung!

Jerusalem war damals ein einziges Sprachgewirr.
Parther. Meder. Elamiter. Römer. Ägypter.
Eine religiöse Weltstadt voller Kulturen, Dialekte und Mentalitäten.
Und mittendrin geschieht dieses Wunder: Menschen verstehen plötzlich die Botschaft von Gott in ihrer eigenen Sprache.
Nicht alle werden gleich.
Nicht alle sprechen plötzlich denselben religiösen Dialekt.
Die Vielfalt bleibt — und trotzdem entsteht Verständigung.

Das ist bis heute ein wahrhaftiges Wunder.
Denn Verständigung ist selten geworden:

Kinder sagen: „Ihr versteht mich sowieso nicht.“
Ehepaare sitzen schweigend nebeneinander wie zwei Staaten kurz vor dem Ab-bruch diplomatischer Beziehungen.
Und manche Machtzentralen schreien sich inzwischen lieber an, als sich gegenseitig zuzuhören.

Wir verfügen über kunterbunt-konspirative Kommunikationstechnik – und gleichzeitig befinden wir uns in einer feindselig-chaotischen Verständigungs-Krise.

Pfingsten setzt genau dort an.
Der Heilige Geist baut Brücken.
Der Heilige Geist schafft Verständigung über Grenzen hinweg.

Pfingsten bedeutet:
Der Geist Gottes ist größer als unsere
machtvoll-be-rüh-rungs-scheuen Milieu-Beschränkungen.

Wir brauchen…
…Nicht nur Information — sondern echtes Verstehen.
Nicht nur Meinung — sondern Wahrheit.
Nicht nur Nähe — sondern Gemeinschaft.

+++ Kehren wir noch einmal an den Anfang zurück. +++

Viele Hochzeitstage später gibt es oft keine spektakulären Begleit-Erscheinungen mehr.
Aber: Hoffentlich eine tief und fest gewordene Liebe.

Und genauso lebt auch Pfingsten bis heute nicht zuerst von Sensationen.
Sondern von Gottes schöpferischer Kraft.

Der Inhalt von Pfingsten bleibt:
1. Der Heilige Geist erfüllt die leeren Christen.
2. Der Heilige Geist öffnet den Christen den Mund.
3. Der Heilige Geist schafft Verständigung.

Und vielleicht schenkt Gott uns darum nicht nur ein gemütliches Pfingstfest, sondern auch eine heilige Unruhe.
Eine Unruhe gegen geistliche Müdigkeit.
Eine Unruhe gegen fromme Selbstzufriedenheit.
Eine Unruhe zugunsten einer Kirche, die sich schwerpunktmäßig lieber bewegt als nur verwaltet.

Der Geist Gottes jedenfalls gibt sich nicht damit zufrieden, nur auf der Geriatrie der Geschichte rum-zu-geistern .
Der Geist Gottes kann Herzen entzünden.
Menschen verändern.
Gemeinden beleben.
Und den Anfang wieder anschauen – obwohl es mittlerweile HEUTE geworden ist.

(gleich Ende)

„Ekklesia“ –„Kirche/ Gemeinde“ (F. Vogt/ M. Schultheiß – var.): Versuch einer Liebeserklärung trotz allem:

Du, unsere krisenbehaftete Kirche,
sie fragen immer wieder, wie man dich nur lieben kann.

Du bist nicht mehr die Jüngste, und man sieht es dir auch an.

Früher warst du voller Leben,
hast auch gern mal angeeckt.

Heute hältst du deine Träume leider allzu oft versteckt.

Weißt du noch:
In deiner Jugend, da warst du voller Leidenschaft,

heute redest du von Tugend, und dein Antlitz ist erschlafft.

Vielleicht ist es deine Weisheit, deine raue Sicht der Welt,

vielleicht ist es deine Schwachheit, die uns weiter bei dir hält.

Hey, altes Haus,
spürst du den Wind, mit dem alles von vorne beginnt!?

Wir stehn zu dir. Gib ja nicht auf!

Mit deinem wilden Lebenslauf bist du bald wieder da – Ekklesia / Kirche / Gemeinde.

Du warst damals kaum erwachsen,
da bekamst du sehr viel Macht,

hast die sanften Kinderzeiten nur noch leise ausgelacht.

Du, ich kann es nicht verstehen, hast dich so oft verrannt,

bist charakterlos geworden, wolltest nur noch Geld und Tand.

Dafür gingst du über Leichen, du hast vielen Leid getan.

Heut bedauerst du die Zeiten, diesen verfluchten Größenwahn.

Doch aus allen tiefen Krisen bist du wieder aufgewacht.

Hast noch mal von vorn begonnen,
ja, das hat dich ausgemacht.

Hey, altes Haus,
spürst du den Wind, mit dem alles von vorne beginnt!?

Wir stehn zu dir. Gib ja nicht auf!

Mit deinem wilden Lebenslauf bist du bald wieder da – Ekklesia / Kirche / Gemeinde.

Manchmal kommt das alte Feuer, dieser Geist der Anfangszeit,

wirst uns wieder ganz geheuer, und wir vergessen all das Leid.

Fangen an, mit dir zu feiern und stelln uns vor, wie’s morgen ist.

Weil wir wissen,
dass du im Innern noch so schön wie anfangs bist.

Hey, altes Haus,
spürst du den Wind, mit dem alles von vorne beginnt!?

Wir stehn zu dir. Gib ja nicht auf!

Mit deinem wilden Lebenslauf bist du bald wieder da – Ekklesia / Kirche / Gemeinde.

Friede sei mit euch.
Amen.