Jüdisches Leben in Berlin: Die Sorge hat konkrete Gründe

Von Ambrosius von Mailand. – Es ist alarmierend, dass Jüdinnen und Juden in Berlin gegenwärtig mit Sorge auf die politische Entwicklung ihrer Stadt blicken. Und diese Sorge ist nicht erfunden. In und um die Berliner Linke hat es in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe von Vorgängen gegeben, die Fragen nach dem Umgang der Partei mit Antisemitismus, Israelhass und islamistischen Milieus aufwerfen.
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„Yalla Intifada“ auf einer Wahlkampfveranstaltung
Besonders drastisch zeigte sich das Ende August beim Linken-Bezirksverband Neukölln. Auf einer Wahlkampfveranstaltung trat der Rapper Dahabflex auf. Zu hören waren Zeilen wie „Yalla, Yalla Intifada, Westbank, Palästina, Gaza“ und „Death to the IDF“. Das lässt sich nicht als belanglose Provokation abtun. Während der zweiten Intifada von 2000 bis 2005 wurden bei palästinensischen Terroranschlägen mehrere Hundert israelische Zivilisten getötet. Die Jüdische Allgemeine bezeichnete den Auftritt entsprechend als Gewaltaufruf. Zuschauer tanzten und klatschten. Anwesende Politiker griffen nach den Berichten während des Auftritts nicht ein. Inzwischen befassen sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit der Frage, ob die Texte strafrechtlich relevant waren. Damit ist die Sache schwerwiegender als ein missglückter Programmpunkt.
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Die Linke war vorher gewarnt
Hinzu kommt: Dahabflex war offenbar keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. Nach Recherchen der Jüdischen Allgemeinen war der Neuköllner Linken-Verband bereits fast ein Jahr zuvor vor dem Rapper und seinen Texten gewarnt worden. Die frühere stellvertretende Linken-Bundesvorsitzende Martina Renner hatte auf ihn aufmerksam gemacht. Auch der frühere Berliner Kultursenator Klaus Lederer erklärte später, die Problematik sei bekannt gewesen. Ralf Balke bringt diesen Punkt in seinem Kommentar für die Jüdische Allgemeine besonders klar auf den Punkt. Seine These lautet: Wer Dahabflex engagierte, könne schwer behaupten, von dessen politischer Pose überrascht worden zu sein. Balke verweist außerdem darauf, dass der Neuköllner Linken-Politiker Hermann Nehls während des Auftritts auf die Bühne ging und fotografierte. Für Balke macht gerade das die nachträgliche Empörung unglaubwürdig. Das ist die Bewertung des Kommentators. Die Vorgänge, auf die er sich stützt, sind dokumentiert.
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Eralps Empörung wirft Fragen auf
Elif Eralp reagierte nach Bekanntwerden des Skandals dahingehend, dass Gewaltaufrufe und Aufrufe zur Tötung von Menschen „absolut inakzeptabel“ seien. Die Verantwortlichen hätten eingreifen müssen. Später erklärte sie rechtfertigend: „Ich stehe klar für den Schutz von jüdischem Leben und gegen jede Form von Antisemitismus.“ Das gehört zur vollständigen Darstellung. Zur vollständigen Darstellung gehört aber ebenso die Kritik daran. Balke beanstandet, dass Eralp in ihrer ersten Reaktion zwar Gewalt verurteilt habe, Antisemitismus aber nicht ausdrücklich benannte. Noch gewichtiger ist die politische Frage, warum es in einem Bezirksverband ihrer Partei überhaupt so weit kommen konnte und warum zunächst keine personellen oder organisatorischen Konsequenzen folgten. Der Tagesspiegel berichtete am 5. September 2026 ausdrücklich, Konsequenzen seien trotz Eralps Intervention zunächst ausgeblieben. Wer politische Verantwortung beansprucht, muss sich deshalb nicht nur an nachträglichen Distanzierungen messen lassen. Entscheidend ist auch, welchen Einfluss er innerhalb der eigenen Partei tatsächlich ausübt.
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Das Problem reicht tiefer als ein Rapper
Genau hier setzt die weitergehende Kritik an. Balke verweist auf die Landesarbeitsgemeinschaft „Palästinasolidarität“ der Berliner Linken und auf innerparteilichen Widerstand gegen Kritik am Neuköllner Verband. Der Tagesspiegel spricht inzwischen selbst von einem Antisemitismusproblem innerhalb der Berliner Linken und verweist darauf, dass bei dem Rapper-Auftritt neben „Yalla Intifada“ auch auf Leila Chaled angespielt wurde, die an Flugzeugentführungen beteiligt war. Damit geht es längst nicht mehr um die Frage, ob ein einzelner Musiker geschmacklose Texte gerappt hat. Es geht um politische Milieus, in denen Israelhass, die Romantisierung palästinensischer Gewalt und vermeintlich „antiimperialistische“ Weltbilder ineinander übergehen können. Gerade eine Partei, die Regierungsverantwortung für Berlin beansprucht, muss hier klare Grenzen ziehen.
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Ein Wahlforum in einer hoch umstrittenen Moschee
Auch ein anderer Vorgang verdient Beachtung. Eralp nahm gemeinsam mit weiteren Spitzenkandidaten an einem Wahlforum in der Dar-Assalam-Moschee in Berlin-Neukölln teil. Die Moschee (beziehungsweise ihr Trägerverein, die Neuköllner Begegnungsstätte) ist seit Jahren wegen möglicher Verbindungen in das Umfeld des legalistischen Islamismus umstritten. Kritiker rechnen den Verein dem Umfeld der Muslimbruderschaft zu. Die CDU sagte ihre Teilnahme mit genau dieser Begründung ab. Während der Veranstaltung sprach FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer mögliche Verbindungen des Imams und Vereinsvorsitzenden Taha Sabri zur Hamas an. Er zeigte ein Foto, auf dem Sabri gemeinsam mit Majed al-Zeer zu sehen sein soll, der mit der Hamas in Verbindung gebracht wird. Die Moderatorin unterbrach Meyer mehrfach und drohte ihm mit Wortentzug. Besonders bemerkenswert war Eralps Reaktion. Sie widersprach Meyer und sagte: „Man muss auch über muslimisches Leben reden können, ohne über religiösen Fundamentalismus zu reden.“ Dieser Satz mag als legitimer Einwand gegen eine pauschale Gleichsetzung von Muslimen und Fundamentalisten gelten. Aber in genau dieser konkreten Situation stand eine andere Frage im Raum: Wie hält es die Politik mit möglichen Kontakten zu einem islamistischen und antisemitischen Umfeld? Diese Frage verschwindet nicht dadurch, dass gleichzeitig auf Diskriminierung von Muslimen hingewiesen wird!
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Islamismus muss Islamismus genannt werden dürfen
Hier darf die politische Sprache nicht verschwimmen. Islamismus ist keine harmlose Spielart religiöser Vielfalt. Er ist eine politische Ideologie. In seinen radikalen Ausprägungen verbindet er religiösen Absolutheitsanspruch mit der Ablehnung liberaler Demokratie, individueller Freiheitsrechte und religiöser Pluralität. Wo islamistische Bewegungen das Existenzrecht Israels bestreiten, Terrororganisationen verherrlichen oder Juden zum Feind erklären, entsteht eine konkrete Gefahr für jüdisches Leben. Diese Gefahr muss auch dann ausgesprochen werden, wenn der Hinweis darauf unbequem ist. Wer bei der Thematisierung islamistischer Strukturen reflexartig zuerst über „Islamfeindlichkeit“ spricht, riskiert, die eigentliche Frage aus dem Blick zu verlieren. Religionsfreiheit schützt Muslime in Deutschland. Sie verpflichtet den demokratischen Staat aber nicht dazu, islamistische Ideologien oder entsprechende Netzwerke sprachlich in Watte zu packen.
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Eralp muss an ihrem politischen Handeln gemessen werden
Elif Eralp stammt aus einer alevitisch geprägten Familie. Entscheidend für ihre politische Bewertung sind jedoch ihre eigenen Äußerungen, Entscheidungen, Bündnisse und ihr Umgang mit extremistischen oder antisemitischen Strömungen. Gerade deshalb ist ihr Verhalten politisch genau zu beobachten. Eralp hat das Existenzrecht Israels ausdrücklich bejaht. Bereits im März 2026 kritisierte sie einen umstrittenen Beschluss der niedersächsischen Linken und bemängelte ausdrücklich, dass das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 darin nicht angemessen berücksichtigt worden sei. Auch im Berliner Wahlkampf erklärte sie mehrfach, jüdisches Leben schützen und Antisemitismus bekämpfen zu wollen. Solche Erklärungen sind relevant. Sie erledigen die Kritik aber nicht. Denn zugleich steht Eralp an der Spitze eines Berliner Landesverbandes, in dessen Umfeld wiederholt genau jene Grenzüberschreitungen sichtbar geworden sind, vor denen jüdische Organisationen warnen. Die politische Frage lautet deshalb nicht nur: Was sagt Elif Eralp? Die politische Frage lautet ebenso: Was setzt sie innerhalb ihrer Partei durch?
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Jüdische Stimmen schlagen Alarm
Dass diese Debatte keineswegs nur von politischen Gegnern der Linken geführt wird, ist besonders wichtig. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat die Vorgänge bei der Neuköllner Linken scharf kritisiert. Nach dem Wahlsieg der Linken berichtete auch die Tagesschau ausführlich über die Sorgen wegen antisemitischer Tendenzen in Teilen der Berliner Partei. Eralp gab daraufhin erneut eine Art Schutzversprechen für jüdisches Leben ab. Aber wenn jüdische Vertreter nach zahlreichen antisemitischen Vorfällen vor Entwicklungen innerhalb einer Partei warnen, dann reicht es nicht, ihnen allgemeine Versicherungen entgegenzuhalten. Entscheidend sind sichtbare Konsequenzen.
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Keine falsche Rücksichtnahme
Antisemitismus muss benannt werden, gleichgültig aus welchem politischen oder religiösen Milieu er kommt. Rechtsextremer Antisemitismus bleibt Antisemitismus. Linksextremer Antisemitismus bleibt Antisemitismus. Islamistischer Antisemitismus bleibt Antisemitismus. Dass Muslime in Deutschland selbstverständlich Religionsfreiheit und Schutz vor Diskriminierung genießen, ändert daran nichts. Ebenso wenig darf der berechtigte Kampf gegen antimuslimischen Rassismus dazu führen, islamistische Ideologien, Hamas-Sympathien oder antisemitische Gewaltphantasien kleinzureden. Gerade Berlin kann sich diese Blindheit nicht leisten. Die Stadt besitzt eine besondere historische Verantwortung gegenüber jüdischem Leben. Wer Berlin regieren will, muss deshalb mehr leisten als wohlklingende Schutzversprechen. Er muss zeigen, dass Antisemitismus auch dann mit voller Entschlossenheit bekämpft wird, wenn er aus dem eigenen politischen Lager kommt. Hieran werden Elif Eralp und die Berliner Linke sich messen lassen müssen.