Advent: Das Wesentliche übersichtlich erklärt

Advent: Warten im Zeitalter der sofortigen Erfüllung. Kirchengeschichtliche, theologische und liturgische Linien einer „übersehenen“ Zeit. –

Wer heute „Advent“ hört, denkt oft zuerst an Lichterketten, Glühwein und den Weihnachtsmarkt. In der Alltagssprache ist der Advent zur „Vorweihnachtszeit“ geworden – mit starkem Konsumdruck und schwacher geistlicher Tiefenschärfe. Für viele Menschen ist kaum noch verständlich, dass hier nicht einfach eine stimmungsvolle Dezemberphase gemeint ist, sondern der Anfang des Kirchenjahres, eine Zeit der Umkehr und der konzentrierten Erwartung.

Gerade in einer säkularen Umgebung lohnt es, den Advent neu zu buchstabieren: historisch, kirchentheologisch und geistlich.

1. Was „Advent“ eigentlich meint
Der Begriff „Advent“ kommt vom lateinischen adventus Domini – „Ankunft des Herrn“. Er steht in enger Verbindung zum griechischen Wort epiphaneia („Erscheinung“) und bezeichnete in der Antike zunächst die Ankunft eines Herrschers oder Kaisers in einer Stadt.
Wenn die Kirche von Advent spricht, meint sie die Ankunft Christi – und zwar in einem doppelten Sinn:
a) Die Ankunft in der Geschichte: die Geburt Jesu in Bethlehem, das Weihnachtsfest.
b) Die Ankunft am Ende der Zeiten: Christus, der wiederkommt, um seine Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens voll zu vollenden.

Damit ist Advent von Anfang an mehr als „romantische Einstimmung“: Advent ist eine Zeit der existentiellen Ausrichtung – auf Gottes Kommen in diese Welt, damals, heute und eben auch künftig.

2. Advent als Beginn des Kirchenjahres
Mit dem ersten Adventssonntag beginnt im evangelischen wie im römisch-katholischen Bereich das Kirchenjahr.  Der liturgische Kalender folgt dabei im großen Bogen der Christusgeschichte: Advent – Weihnachten – Epiphanias, die Passions- und Osterzeit, Pfingsten und die Trinitatiszeit bis hin zum Ewigkeitssonntag.

Der Advent steht am Anfang des Kirchenjahres. Am Beginn des Jahreskalenders wird die Gemeinde erinnert: Zeit ist nicht nur „leerer Raum“ für Termine, sondern der Rahmen, in dem Gott auf seine Weise handelt. Die erste liturgische Aussage des neuen Kirchenjahres lautet: Wir leben auf ein Kommen hin, nicht nur auf ein Vergehen zu.

3. Die historischen Wurzeln: Fasten- und Bußzeit
Die Adventszeit ist kirchengeschichtlich keine „besinnliche Dekoration“, sondern entstand im Kontext einer sehr konkreten Buß- und Fastenpraxis.
Bereits ab dem späten 4. Jahrhundert sind in Gallien und Spanien vorweihnachtliche Vorbereitungszeiten bezeugt.
Dort begann der Advent unmittelbar nach dem Martinstag (11. November) und dauerte – mit Unterbrechung der Wochenenden – als Fastenzeit bis zum Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) am 6. Januar. So ergaben sich etwa 40 Fasttage in Analogie zur Passionsfastenzeit.

In Rom entwickelte sich der Advent eher als freudige Erwartung der Menschwerdung Gottes, während in gallischen Traditionen stärker die endzeitliche Wiederkunft Christi betont wurde.

Die Zahl der Adventssonntage war lange nicht einheitlich. Papst Gregor der Große († 604) fixierte im römischen Bereich eine vierwöchige Adventszeit, während etwa in Teilen des Frankenreichs oder in Mailand zeitweise fünf oder sechs Adventssonntage üblich waren.  Erst im Hochmittelalter setzte sich die vierwöchige Form weitgehend durch.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galt der Advent – ähnlich wie die Passionszeit – als sogenannte „geschlossene Zeit“: aufwendige Feste, Tanzveranstaltungen und „laute Lustbarkeiten“ waren kirchenrechtlich untersagt oder zumindest unerwünscht; auch Trauungen sollten eher schlicht gefeiert werden.  Damit wurde liturgisch markiert: Dies ist eine Zeit der Sammlung, der Umkehr, der inneren Vorbereitung. Advent ist nicht in erster Linie Event, sondern Unterbrechung.

4. Advent in evangelischer Perspektive: Erinnerung, Erwartung, Buße
In der evangelischen Tradition ist immer wieder betont worden, dass die Adventszeit „eine Zeit der Erinnerung und der Erwartung, der Bereitung und der Buße“ ist – so formuliert es etwa Karl-Heinrich Bieritz in seiner Einführung in das Evangelische Gottesdienstbuch.

Theologisch lassen sich – vereinfacht – drei Perspektiven unterscheiden, in denen die „Ankunft“ Christi im Advent bedacht wird:

a) Die vergangene Ankunft:
Die Feier der Geburt Jesu in Bethlehem – Gott wird Mensch, teilt unsere Geschichte. Advent bereitet Weihnachten vor, aber so, dass deutlich wird: Hier kommt nicht nur ein „besonderer Mensch“, sondern der, in dem Gott selbst zur Welt – also in unser Hier und Jetzt – kommt.

b) Die gegenwärtige Ankunft:
Christus kommt zu seiner Kirche in Wort und Sakrament, im Hören auf die Schrift, im gemeinsamen Gebet, in Zeichen der Nähe Gottes mitten im Alltag. Advent fragt damit sehr praktisch: Wo und wie „kommt“ Christus heute in unser Leben? Wie machen wir ihm Raum – persönlich, kirchlich, gesellschaftlich?

c) Die zukünftige Ankunft:
Die Erwartung der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten bleibt eine Grundspannung des christlichen Glaubens. Advent hält die Gemeinde im „Schon jetzt – noch nicht“: Gottes Reich ist angebrochen, aber noch nicht vollendet. Das richtet die Hoffnung auf Gerechtigkeit, die über unsere Möglichkeiten hinausgeht – und relativiert zugleich alle irdischen Heilserwartungen.

Buße – im Sinn der adventlichen Tradition – ist daher keine moralistische Selbstoptimierung, sondern Umkehr im Licht dieser dreifachen Ankunft: sich lösen von Selbstgenügsamkeit und Resignation, sich neu ausrichten auf Gottes Kommen.

5. Die vier Adventssonntage: ein geistlicher Weg
Die evangelische Perikopenordnung zeichnet den Weg der vier Adventssonntage bewusst so, dass der doppelte Charakter des Advent deutlich wird: Warten auf die Geburt Jesu und Warten auf seine Wiederkunft.

Die EKD beschreibt die Spezifika der vier Sonntage so:

Erster Advent: Der König, der anders kommt
Thema: Einzug Jesu in Jerusalem (Mt 21,1–11).
Wochenspruch (oft nach Sach 9,9): „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

Der Beginn des Kirchenjahres stellt die Gemeinde vor den König, der „sanftmütig“ auf einem Esel in Jerusalem einzieht – nicht mit Gewalt, sondern in der Gestalt der Demut. So wird der Advent gleich zu Beginn entmythologisiert: Gottes Kommen entspricht nicht den üblichen Mustern der Macht. Die Erwartung wird korrigiert: Wer auf Christus wartet, wartet nicht auf einen „starken Mann“, sondern auf den, der sich in die Niedrigkeit begibt.

Zugleich öffnet dieser Sonntag den Horizont für die Christusgeschichte des ganzen Jahres – von der Krippe bis zum Kreuz.

Zweiter Advent: Die Wiederkunft Jesu
Thema: Wiederkunft und Endgericht – eschatologische Texte (z.B. Lk 21).
Der zweite Adventssonntag nimmt die endzeitliche Perspektive in den Blick. Hier geht es nicht um Spekulationen über „Endzeitprogramme“, sondern um die Frage: Was bedeutet es, dass die Geschichte dieser Welt nicht im Zufall oder im Chaos endet, sondern in der Vollendung Gottes?
Der Advent relativiert damit auch die „letzten Dinge“, die sich Menschen selbst setzen: Erfolg, Sicherheit, Wachstum. Er lädt ein zu einer nüchternen Hoffnung: Gott selbst wird der Welt gerecht werden – und uns.

Dritter Advent: Johannes der Täufer – die Stimme, die aufrüttelt
Thema: Johannes der Täufer als Vorläufer Jesu, Ruf zur Umkehr (z.B. Mt 11 oder Joh 1).
Johannes ist alles andere als eine harmonische Adventsfigur. Seine Botschaft ist scharf: „Bereitet dem Herrn den Weg.“ Advent wird hier als Unterbrechung verstanden, die auch wehtut. Das Evangelium konfrontiert mit der Frage: Was steht Gottes Kommen in meinem Leben im Weg?

In mancher Liturgie ist der dritte Adventssonntag besonders vom Motiv der Freude (Gaudete) geprägt – als Ausblick auf das, was Gottes Kommen schenkt. Die Buße bekommt einen hoffnungsvollen Klang: Umkehr ist der Weg in die Freiheit.

Vierter Advent: Maria – Advent im Modus der Erwartung
Thema: Maria, die Mutter von Jesus, ihr Lobgesang (Lk 1,26–56).
Der letzte Adventssonntag ist gewissermaßen der „innerste“: Maria steht für die erwartende und zugleich schon beschenkte Gemeinde. In ihrem Magnificat singt sie von einem Gott, der die Machtverhältnisse umkehrt – „Gewaltige stürzt er vom Thron, und Niedrige erhebt er“ – und die Hungrigen sättigt.

Advent ist damit ausdrücklich sozialkritisch: Das Kommen Gottes hat Konsequenzen für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Warten wird hier politisch, ohne parteipolitisch zu werden: Es zielt auf ein anderes Maß für das, was im Leben zählt.

6. Adventliche Zeichen: Adventskranz und mehr
Viele Bräuche, die heute als „typisch adventlich“ gelten, sind vergleichsweise jung – haben aber eine beachtliche symbolische Tiefe.

Der Adventskranz geht auf den Hamburger Theologen Johann Hinrich Wichern zurück, der 1839 im „Rauhen Haus“ einen Holzkranz mit vielen Kerzen aufhängte: für jeden Tag bis Weihnachten eine Kerze, an den Sonntagen eine größere. Erst später reduzierte sich der Brauch auf vier Kerzen für die Adventssonntage.

Der Adventskalender entstand im 19. Jahrhundert im evangelischen Milieu als Hilfe, die Tage bis Weihnachten bewusst zu zählen – von Kreidestrichen an der Tür bis zu gedruckten Kalendern.

Solche Zeichen sind keineswegs belanglos. Sie „übersetzen“ Advent in die Lebenswelt – die Frage ist nur, in welche Richtung: Werden aus ihnen bloß dekorative Accessoires einer ohnehin übervollen Dezemberzeit? Oder bleiben sie Hinweise auf das eigentliche Thema: Gottes Kommen?

7. Advent in einer säkularen Gesellschaft
In einer weitgehend säkularisierten Umwelt wird der Advent heute oft kulturell begangen – mit Weihnachtsmusik, Märkten, Lichterglanz – ohne dass die zugrundeliegende Glaubensgeschichte mit einbezogen wird. Der Dezember ist eine dichte Jahreszeit: Jahresabschlüsse, Feiern, gesteigerter Konsum, übervolle Kalender.

Vor diesem Hintergrund kann die Kirche den Advent gerade nicht dadurch „retten“, dass sie sich einfach in dieselbe Logik einfügt und religiöse Stimmung „zuliefert“. Advent gewinnt sein Profil eher durch eine bewusst andere Praxis:

Verlangsamung: Gottesdienste, die Raum für Stille und Klage lassen – nicht nur für „vorweihnachtliche Freude“.

Wachsamkeit: Die biblischen Texte fragen nach dem, was übersehen ist: die Überlasteten, die Verzweifelten, die Verwundeten – und das eigene Bedürfnis nach Sinn.

Hoffnung gegen den Augenschein: Die Adventsbotschaft vom anbrechenden Reich Gottes widerspricht sowohl dem Geist der Resignation („Es ändert sich ja doch nichts“) als auch dem naiven Fortschrittsoptimismus.

In diesem Sinn kann Advent auch für Menschen, die sich vom Glauben entfernt haben, eine Einladung sein: die Frage nach dem, was trägt, noch einmal zuzulassen – ohne Druck, aber auch ohne Verharmlosung.

8. Advent als Schule des Wartens
Wir leben in einer Kultur der sofortigen Erfüllung: Alles ist „on demand“ verfügbar – Medien, Produkte, Informationen. Warten gilt meist als Defizit, das technisch zu minimieren ist.

Der Advent dagegen erinnert daran, dass es im Leben Entscheidendes gibt, das sich nicht „machen“ lässt: Versöhnung, Sinn, Liebe, Trost, Gerechtigkeit. Hier sind wir Empfangende. Warten wird zur Schule des Vertrauens – nicht als passive Vertröstung, sondern als Haltung, in der der Mensch sich öffnet für Gottes Handeln.

So verstanden ist Advent folgendes:
. kirchengeschichtlich
: eine Zeit der Fasten- und Bußpraxis vor Weihnachten.
. liturgisch: der Auftakt des Kirchenjahres, strukturiert durch vier Sonntage mit eigenem Profil.
. theologisch: die konzentrierte Erinnerung an die Ankunft Christi – damals in Bethlehem, heute in Wort und Sakrament, und zukünftig in der Vollendung.
. existentiell: eine Übung im Hoffen und im Loslassen der Illusion, alles selbst in der Hand zu haben.

Vielleicht ist der Advent ja gerade deshalb eine der aktuellsten Zeiten des Kirchenjahres. Denn wer gelernt hat zu warten, ohne zu resignieren, wer hoffen kann, ohne zu verdrängen, der ist – im besten Sinn – adventlich: offen für die Ankunft des Herrn, der nicht nur unsere Kalender und Schaufenster füllen, sondern unsere Welt verwandeln möchte.

 

C.H., im November 2017, geringfügig überarbeitet im November 2025

 

Ausgewählte Texte zur Adventszeit:

.

«» «» «» «» «» «» «» «» «» «» «»

.

Er kommt an

Er kommt an und kommt nicht an

in der Stadt Jerusalem.

Erst stehen sie am Straßenrand

und umjubeln ihn.

Wenig später mit Gejohl,

wenden sie sich gegen ihn,

sind enttäuscht von dem Idol,

rufen lauthals: Kreuzigt ihn!

 

Er kommt an und kommt nicht an

bei so vielen Menschen,

weil er nicht erfüllen kann,

was sie sich von ihm wünschen.

Er ist nicht der große Held,

der mit Schwert und Macht

alle Männer führt ins Feld

und bläst zur letzten Schlacht.

 

Er kommt an und kommt nicht an

bei den Strengen,

und die Frommen fühlen sich

von diesem Mann

auf den Arm genommen,

haben Angst um Traditionen,

seh’n Gesetze in Gefahr,

besteh’n auf ihren Positionen,

weil’s noch niemals anders war.

 

Er kommt an und kommt nicht an,

deshalb kommt er an bei denen,

die von allen abgetan und die Liebe sich ersehnen.

Er bleibt steh’n, geht nicht vorbei,

sieht den Armen und den Blinden.

Den Gebundnen spricht er frei.

Wer ihn sucht, den wird er finden…

(Der Original-Liedtext „Er kommt an“ stammt von Cl. Bittlinger, Liedermacher und Pfarrer. Das Lied ist erschienen auf dem Album „Fenster in die Nacht“, pila music 1990.)

.

«» «» «» «» «» «» «» «» «» «» «»

.

In das Warten dieser Welt (Hark! The Herald Angels Sing…)

In das Warten dieser Welt

fällt ein strahlend helles Licht.

Weit entfernt von dem Gedränge

klingt die Stimme, die da spricht:

 

Sehet auf, der Retter kommt!

Wachet auf und seid bereit,

denn der Herr erlöst sein Volk

wunderbar zu seiner Zeit.

 

In die Trauer greift Gott ein.

Er ist nahe dem, der weint,

dass auch in der tiefsten Not

uns das Licht der Hoffnung scheint.

 

Neues Leben zieht dort ein,

wo die Herzen müde sind.

Gottes Geist weht durch das Land

wie ein frischer Morgenwind.

.

«» «» «» «» «» «» «» «» «» «» «»

.

San-na

San-na, San-na-ni-na, San-na, San-na, San-na.

San-na, San-na-ni-na, San-na, San-na, San-na.

San-na, San-na, San-na, San-na-ni-na, San-na, San-na, San-na.

 

Wir stehen da und staunen:

Der Mensch zieht bei uns ein.

durch die Menge geht ein Raunen:

Kann Gott denn menschlich sein?

 

Gott kommt anders als wir denken,

doch wir sind scheinbar blind.

Er will unsre Blicke lenken

zum Bettler und zum Kind.

 

Kommt nicht hoch zu Ross,

kommt runter, kommt allein,

kommt zu uns zu Fuß, geht mit,

will bei uns sein.

(Cl. Bittl.)

.

«» «» «» «» «» «» «» «» «» «» «»

.

abc

.

«» «» «» «» «» «» «» «» «» «» «»

.

abc

.

«» «» «» «» «» «» «» «» «» «» «»

.

 

(folgt)