Martin Luther: I love Xmas

Martin Luther hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Advent und Weihnachten – und das war mehr als sentimentale Kerzenlicht-Präferenz, sondern Theologie in Flammen und Liedern…

1. Weihnachten als Herzschlag von Martin Luthers Theologie

Für Martin Luther war Weihnachten kein Beiwerk des Kirchenjahres, sondern dessen pulsierendes Herz. Die Menschwerdung Gottes – dass Gott selbst als verletzliches Kind in der Krippe liegt – erschütterte ihn zutiefst und begeisterte ihn zugleich. In seinem berühmten Weihnachtslied „Gelobet seist du, Jesu Christ“ bringt er dieses Staunen gleich in der ersten Strophe zum Klingen:

„Gelobet seist du, Jesu Christ,
dass du Mensch geboren bist
von einer Jungfrau, das ist wahr;
des freuet sich der Engel Schar.“

Hier feiert Martin Luther nicht eine Idee, sondern ein Ereignis: Gott wird Mensch. Weihnachten ist für ihn keine moralische Belehrung, sondern reine Gabe. Genau darin erkannte er das Evangelium in seiner klarsten Form: Gott kommt nicht als Forderung, sondern als Geschenk. Nicht vom Himmelsthron herab, sondern vom Stroh herauf.

Noch dichter wird diese Theologie der Gnade in der paradoxen Freude, die Luther singen lässt – Engel jubeln, weil Gott sich erniedrigt. Weihnachten ist für ihn die sinnlichste Verkündigung von sola gratia. Kein Mensch arbeitet sich zu Gott empor – Gott kommt selbst herab.

Oder, schlicht und überwältigend, im Lied „Christum wir sollen loben schon“:

„Er ist auf Erden kommen arm,
dass er unser sich erbarm.“

Mehr Theologie auf zwei Zeilen ist kaum denkbar.

2. Advent: Die Zeit des sehnsüchtigen Wartens

Auch der Advent war für Martin Luther keine bloße Vorbereitungszeit mit Kalenderlogik. Der Advent war für ihn die Schule der Sehnsucht. Dieses gespannte „Noch-nicht“, dieses geistliche Ausstrecken nach der Zukunft Gottes, sie liebte Luther zutiefst. Darum dichtete er gleich zu Beginn der Reformation eines seiner zentralsten Adventslieder: „Nun komm, der Heiden Heiland“.

„Nun komm, der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,
dass sich wundre alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.“

Das ist kein leiser Sehnsuchtston, sondern ein Ruf. Advent ist hier das laute Gebet einer müden Welt: Komm! Und Luther bleibt dabei realistisch. Christus kommt nicht in eine heile Welt, sondern in eine verwundete. Weiter heißt es:

„Er nimmt im Fleisch zu wohnen an,
der Schöpfer aller Ding.“

Der Schöpfer zieht ein in seine Schöpfung – in ihre Brüche, Ängste und Widersprüche. Für Martin Luther war der Advent deshalb Trostzeit, nicht Fluchtzeit. Gott bleibt nicht fern. Gott kommt. Zuverlässig.

3. Singen als Theologie mit offenem Herzen

Besonders innig war Martin Luthers Beziehung zu Advent und Weihnachten dort, wo Theologie singt. Seine Weihnachtslieder sind keine süßlichen Krippenbilder, sondern gesungene Dogmatik – für Kinder, Eltern und Gemeinden.

Man höre nur das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, bewusst in einfacher Sprache geschrieben, fast wie ein Kinderlied, und doch von theologischem Gewicht:

„Vom Himmel hoch, da komm ich her,
ich bring euch gute neue Mär;
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing(e)n und sagen will.“

Die Weihnachtsbotschaft kommt nicht elitär, sondern gesungen, erzählt und (mit)geteilt. Und sie mündet nicht in Ehrfurchtsstarre, sondern in Bewegung:

„Davon ich allzeit fröhlich sei,
zu springen, singen immer frei.“

Für Martin Luther war das Singen eine sehr wichtige Ausdrucksform des Glaubens. Gerade im Advent und zu Weihnachten sollte das Evangelium auf die Zunge, ins Ohr und mitten ins Leben kommen.

4. Weihnachten gegen die Angst

Martin Luther war ein angefochtener Mensch. Zweifel, Angst vor dem Gericht Gottes und tiefe seelische Kämpfe begleiteten ihn.
Weihnachten wurde ihm deshalb zu einem geistlichen Gegenbild.
Die Krippe widerspricht der inneren Angst.

Im Lied „Vom Himmel hoch“ lässt er uns direkt in diese Nähe eintreten:

„Es ist der Herr Christ, unser Gott,
der will euch führn aus aller Not,
er will eu’r Heiland selber sein,
von allen Sünden machen rein.

So merket nun dies Zeichen recht:
die Krippe, Windelein so schlecht,
da findet ihr das Kind gelegt,
das alle Welt erhält und trägt.“

Hier wird Weihnachten existenziell. Der Gott in der Krippe ist kein ferner Richter, sondern der, der die Nacht erhellt.

Martin Luther wusste: Ein Gott, der sich wickeln lässt, der schreit, friert und trinkt, ist kein Gott, vor dem man sich verstecken muss.

Darum endet das Weihnachtslied nicht im Staunen, sondern im Vertrauen:

„Davon ich allzeit fröhlich sei
zu springen, singen immer frei.“

5. Was wir daraus für Advent und Weihnachten 2025 lernen können

Gerade im Jahr 2025 – in einer Zeit digitaler Dauererregung, globaler Unsicherheiten und spiritueller Ermüdung – ist Luthers Zugang erstaunlich aktuell.

Advent darf wieder rufen – anstatt nur zu dekorieren. „Nun komm!“ ist ein kräftiges Gebet gegen Resignation.

Weihnachten darf wieder entlasten. „Er ist auf Erden kommen arm“ heißt: Gott begegnet uns auf Augenhöhe.

Singen darf wieder Glaubenssprache sein. Auch ohne Perfektion, auch mit brüchiger Stimme.

Gott darf wieder klein werden, damit unsere übervollen Lebenszusammenhänge Raum zum Atmen gewinnen.

Luther würde uns heute vermutlich nicht zur Steigerung des Weihnachtsgefühls raten, sondern zur Hingabe und zum Vertrauen. Advent und Weihnachten sind keine Stimmung, sondern eine Zusage.

Oder um es mit seinen eigenen Worten zu sagen – schlicht, fröhlich und sendungsbewusst:

„Des lasst uns alle fröhlich sein
und mit den Hirten geh’n hinein,
zu sehen, was Gott uns beschert,
mit seinem lieben Sohn verehrt.“

So gesehen hatte Martin Luther Advent und Weihnachten nicht bloß gern.
Er hat davon gesungen, daran geglaubt – und davon gelebt.

Vielleicht war er auch neugierig auf eine Rückmeldung durch die Adressaten der Weihnachtsbotschaft:

Und ihr? Und wir?

Vielleicht in Anlehnung an Joh. 1,14b:

„… und wir“ (?) „sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

Autor: Carsten Heß; Urversion vom 13.12.2018; aktualisiert am 05.12.2025.

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