Predigt beim Abschlussgottesdienst der Allianz-Gebetswoche am 18.01.2026

„Gott ist treu – unsere Botschaft für die Welt“
Psalm 71,15–16
15 Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann.
16 Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein.

…darum soll es heute Morgen gehen.

KANZELGRUß:

Gnade sei mit euch
und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommen wird:
nämlich Jesus Chrisus.

Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich vor / stellt euch vor,
jemand fragt Sie und euch ganz direkt / ohne Vorwarnung:
„Was ist eigentlich Ihre Botschaft für die Welt?“
„Was ist eigentlich deine Botschaft für die Welt?“

Das zentrale Allianzteam hat die Frage nach „unserer Botschaft für die Welt “ ja so formuliert.

Wahrscheinlich ist da an diejenigen gedacht, die nicht „fromm“ vorgewärmt sind.

Also: Welche Botschaft haben „wir“
(so wie es im Allianz-Heft formuliert ist), für die Welt
ODER:
Welche Botschaft gibt es
– für Skeptische und Suchende,
– für Müde und Enttäuschte,
– für Menschen, die sagen:
„Religion? — Hab ich mir angeschaut. Reicht mir erst mal.“

Wie würden wir antworten?

Mit einem Glaubensbekenntnis?
Mit einem theologischen Vortrag?
Mit einer Erklärung der reformatorischen Rechtfertigungslehre?

Psalm 71 antwortet anders:
Nicht breit, sondern tief.
Nicht laut, sondern tragfähig.

Psalm 71 sagt – erstaunlich schlicht:
Gott ist treu!!!
Das steht über allem!

Und man merkt sofort:
Dieser Satz ist nicht schnell dahingesagt.
Er ist gewachsen und gereift,
nicht eilig produziert.

Psalm 71 ist auch kein Psalm der Jugend.
Psalm 71 ist kein Text aus einer Phase, in der alles offen scheint und noch jede Richtung möglich ist.

Sondern HIER spricht jemand,
der alt geworden ist.
Jemand, der Zeit hatte, sich zu irren.
Zeit hatte zu hoffen.
Zeit hatte zu scheitern.

Und genau dieser Mensch sagt – ruhig, nüchtern, unaufgeregt:
Gott ist mir – trotz allem – treu geblieben.
Auch wenn ich mich zeitweise gravierend von Gott entfernt habe:
Gott hat mich nicht verlassen.

Und damit sind wir mitten im Thema.
Denn „unsere Botschaft für die Welt“ – wie es das Allianz-Kommitte formuliert hat – beginnt nicht mit Argumenten.
Sie beginnt mit Erfahrungen, die erzählt werden können.
Nicht mit Erklärungen,
sondern mit Erlebtem.

Der Psalmbeter sagt:
„Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit,
täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann.“
(Psalm 71,15 – Luther 2017)

Aber: klingt das Wort „verkündigen“ nicht irgendwie zu sehr nach Kanzel und Konzentration?
Klingt „verkündigen“ nicht nach
begrenzt kommunikativer Einbahnstraße?

Im Hebräischen meint der Begriff  „verkündigen“ folgendes, nämlich:
– erzählen,
– weitergeben,
– authentisch und ehrlich bezeugen, was war,
– den „Funken“ überspringen lassen.

Der Psalm-Beter gibt übrigens nicht weiter:
„Ich habe Gott verstanden.“

Er sagt auch nicht:
„Ich habe alles richtig gemacht.“

Der Psalmbeter sagt:
Ich habe erlebt,
dass mein Leben getragen wurde / dass ich hindurch-getragen wurde.

Und dann lesen wir diesen fast beiläufigen Satz:
„Mein Mund soll verkündigen… täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann.“

Denn wer anfängt zu zählen,
merkt irgendwann,
dass Gottes Treue größer ist als jede Liste.
Gottes Treue alle Tabellen sprengt,
jeden Leistungs-Nachweis zerreißt,
unsere Ordnungssysteme zum Platzen bringt
und all unsere Zweifel und Unterlegenheits-Gefühle verschwinden lässt.

Und dann haben wir es ja noch mit diesem speziellen Wort zu tun,
das wir klären müssen,
nämlich Gerechtigkeit.

Wenn wir heute von Gerechtigkeit sprechen,
dann denken wir zuerst an Gerichte und Urteile.
An richtig oder falsch.
An „bestehen“ oder „durchfallen“.

Psalm 71 meint etwas anderes.

Der Psalmbeter sagt:
„Ich gehe einher in der Kraft Gottes, des HERRN;
ich preise deine Gerechtigkeit allein.“
(Psalm 71,16 – Luther 2017)

Nicht „… ich preise mein Lebenslauf.
Nicht „… ich preise meine Frömmigkeit.
Nicht „… ich preise mein Durchhalte-Vermögen.

Sondern das hebräische Wort, das da steht, meint:
– Treue statt Tränen,
– Beziehung statt Bilanz,
– Halten statt Abhaken.

Gerechtigkeit steht hier nicht im Schatten von Leistung,
sondern im Licht der Treue.

Die Treue Gottes ist nicht an die Gerechtigkeit Israels gebunden, sondern Gottes Treue liegt im Wesen Gottes, in seinen Verheißungen und in seinem Freundschafts-BUND begründet (Ps 71,2; Ps 143,11).

In diesem Sinne versucht Gott auch immer wieder, seinem Volk Israel gerecht zu werden.

Gottes Gerechtigkeit zeigt sich   h i e r   vor allem darin,

– dass der alte / hochbetagte Mensch nicht abgeschrieben wird,
– dass die Schwachen nicht ausgelacht werden,
– dass die Angefochtenen nicht in Angst bleiben müssen –
– sondern dass sie gehalten und auf-ge-RICHT-et werden.

Damit ist der Psalm 71 ganz erstaunlich nah beim Apostel Paulus:
„Darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben.‘“? (Römer 1,17 – Luther 2017)

Übrigens:
Auch Jesus selber
erklärt Gottes Gerechtigkeit nicht theoretisch.
Sondern Jesus verkörpert sie.
Jesus wendet sich denen zu,
die niemand mehr auf dem Zettel hat:

Blinde sehen. Lahme gehen. Schuldige werden frei. Verlorene werden gefunden. !

– Jesus löst Schuld,
anstatt Menschen festzunageln.

– Jesus richtet auf,
anstatt kleinzumachen.

– Und Jesus geht den Weg bis ans Kreuz.
Nicht als Sieger.
Nicht als Held.
Sondern als verwundbarer Mensch.

Hier erreicht Gottes Gerechtigkeit ihre radikalste und gleichzeitig treueste Gestalt:
Gott bleibt nicht draußen.
Sondern Gott geht hinein.

+ + +
Der Evangelist Johannes fasst das so zusammen:

Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!            (Joh. 1,20)

(Jes 53,7; Mt 1,21; Mk 1,9; Lk 3,21; Joh 1,36; Hebr 9,26; 1Petr 1,19; 1Joh 2,2; 1Joh 3,5; Offb 5,6)

+ + +

Und die Auferweckung von Jesus ist Gottes Antwort:
Meine Treue reicht ganz weit — viel weiter, als ihr es zu denken wagt:.
Meine Treue reicht sogar über den Tod hinaus.

Zurück zu unserem Psalm:

Da steht noch:
„Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN.“

Nicht: Ich bin stark.
Sondern: Ich werde getragen.

Oder wieder mit Paulus gesprochen:

„Lass dir an meiner Gnade genügen;
denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
(2. Korinther 12,9 – Luther 2017)

Was ist also „unsere Botschaft für die Welt“?

Nicht: Wir haben alles verstanden und alles so toll gemacht.
Nicht: Wir sind besser.
Und erst recht nicht:
WIR sind die, die immer ganz genau wissen, wie es geht und die anderen belehren müssen.

Sondern:
Ein Leben kann getragen sein – auch wenn es brüchig bleibt.

Oder mit Worten vom 33. Psalm:

4 Denn des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss.

.

Also: Gott ist treu, auch wenn uns selber das so oft nicht gelingt.

Und genau das können die Alten den Jungen immer wieder erzählen.

Gott ist treu: Das ist die hinaus-zu-posaunende Botschaft!

Dabei ist es egal, …

…ob wir jung und voller Kraftpakte sind,

…oder in der Lebensmitte – wo wir schon so manches Gesäte ERNTEN können,

…oder ob wir älter werden und auf Gelungenes und Misslungenes zurückblicken:

Woran wir uns im Leben und im Sterben festhalten können – das ist Gottes Treue!

Und Gottes Treue erschöpft sich nicht.
Sie wird nicht weniger mit den Jahren.
Gottes Treue trägt auch dann noch, wenn die eigene Kraft nachlässt!

Das ist das Glaubensbekenntnis eines alten Herzens.
Eines Herzens, das weiß:
Alle eigene Leistung trägt nicht bis zum Ende.

Und genau hier öffnet sich der Raum für Christus.

Denn was der Psalmbeter erhofft und bekennt,
das wird in Jesus Christus endgültig erfüllt.

– Der Psalmbeter lebt aus der Verheißung. — Wir leben aus der Erfüllung.

– Der Psalmbeter kennt Gottes Treue im Durchtragen.
Wir erkennen sie im Gekreuzigten und Auferstandenen.

– Der Psalmbeter rühmt Gottes Gerechtigkeit im Vertrauen. —
Wir rühmen die Gerechtigkeit, weil sie einen Namen und ein Gesicht bekommen hat.

Der Psalmbeter sagt nicht: Schaut auf mein Leben.
Sondern er sagt: Schaut auf Gott. /

Oder im Zeichen des Neuen Bundes: Schaut auf Christus.

Und werdet nicht müde, immer wieder von diesem drei-in-einem-GOTT zu erzählen.

Nehmt den Missions-Auftrag des auferstandenen Jesus Christus am Ende des Matthäus-Evangeliums wörtlich:

Der Missionsbefehl (Mt. 28,16-20 in Auszügen):
„Die elf Jünger … fielen sie vor ihm nieder. … Jesus sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.
Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern;
tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes — und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Also: Werdet nicht müde, immer wieder von diesem drei-in-einem-GOTT zu erzählen.

Dazu möchte ich ganz aktuell aus dem Neujahrs-Grußwort vom Generalsekretär der Vereinten Evangelischen Mission, Pfarrer Dr. Andar Par-LIN-DUN-gan aus Indonesien, in Auszügen zitieren:

„Ich stehe heute hier, weil christliche Kirchen und Missionsgesellschaften auf der Nord-Halbkugel
irgendwann beschlossen hatten, etwas Neues zu wagen, in anderen Teilen der Erde   Schulen zu gründen, Krankenhäuser zu bauen, Gemeinschaft zu leben, Hoffnung zu teilen. Dafür gibt es viel Grund zur Dankbarkeit.

Gemeinsam blicken wir auch zurück auf Leid und Verfolgung gegen die ersten Christinnen und Christen, die unter dem Druck eines mächtigen Imperiums standen.

Aber auch in unserer Zeit wird der Hass wieder lauter:

Antisemitismus, Rechtsextremismus, Rassismus,

ökologische Zerstörung, Familienkrisen, globale Ungerechtigkeit und Kriege schreien zum Himmel.

Und wir sehen viel Leid, das die Herzen zerreißt…

Wir brauchen die Bewegung des Evangeliums, das heilt, verbindet und Gerechtigkeit sucht.

Mission ist Teilhabe an dem, was Gott schafft. Und darum sagen wir klar NEIN zu allem, was Gott und Menschen entwürdigt.

Ich spüre aber auch eine Spannung. In vielen Teilen Afrikas und Asiens wachsen die Kirchen nicht deshalb, weil sie reich wären, sondern weil Glaube und Mission   d o r t   lebendig und selbstverständlich sind.

H i e r   dagegen ist das Wort Mission … schwer geworden.

Die Kirchen in Deutschland und Europa brauchen die Rückkehr zur Mission. Aber nicht die alte Mission der Überlegenheit, sondern eine neue Mission, in der es um – heilen, – hören, und – lernen geht.

Ich bin überzeugt, die Kirche im Norden braucht Menschen und Stimmen

– von den Rändern aus dem globalen Süden,

– aus Black Communities,

– von People of Color,

– von jenen, die Diskriminierung erfahren haben,

– von Menschen, deren Glaube lebendig ist und von Freude getragen wird / – von Menschen, die Kirche nie als Last, sondern als Hoffnung erleben.

Die Kirchen im Norden brauchen Menschen, die immer wieder neu erzählen können, warum Christus für sie   LEBEN   bedeutet.

In solcher Mission liegt ökumenischer Segen.

Da sind Geschwister, die etwas mitbringen, was in Europa vielfach verloren gegangen ist: Mut, Hingabe, Vertrauen, Hoffnung.

Mission beinhaltet die Kraft der Erneuerung, … setzt auf globale Verantwortung und neue Wege der Zusammenarbeit.

Unsere internationale Mission lebt von der … gegenseitigen Sendung und Ermutigung.        ./.

Soweit das Zitat vom Generalsekretär der VEM.

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Liebe Allianzgemeinde,

zum Schluss noch ein Bild:

Stellen wir uns einen alten Leuchtturm vor.

Er steht da, Wind und Wetter ausgesetzt.
Stürme sind über ihn hinweg-gezogen.

Nächte voller Dunkelheit hat er gesehen.

Und dennoch steht er.

Nicht, weil er sich selber hält – sondern weil sein Fundament ihn trägt.

Die neutestamentliche Gemeinde weiß:

Jesus Christus ist dieses Fundament.

Gottes Treue ist das Licht.

Und wir sind die, die sich daran orientieren und immer wieder davon erzählen dürfen.

Gott ist treu. Gestern. Heute. Und in Ewigkeit. Amen.                ./.