„Warum lässt Gott das zu?“ – Gedanken über Verantwortung, Vertrauen und den mitleidenden Gott

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum eine Frage liegt unserer Zeit so schwer auf der Zunge wie diese:
Warum lässt Gott das alles zu? Warum Kriege, Krankheiten, Ungerechtigkeit, Einsamkeit? Warum so viel Zerbruch in einer Welt, die doch von einem guten Gott geschaffen ist?

Vielleicht tragen Sie diese Frage in sich. Vielleicht schon lange. Vielleicht leise. Vielleicht bitter. Vielleicht müde. Diese Frage ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen von Wahrhaftigkeit.

Sie ist die Klage Hiobs, der Seufzer der Psalmen, der Schrei von Jesus am Kreuz:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34).
Wer so fragt, ringt um Sinn und sucht Halt im Sturm.

Und doch lohnt es sich, einen zweiten Blick zu wagen – nicht nur nach oben, sondern auch nach innen. Denn auffällig ist: Sehr oft wird Gott zum Hauptangeklagten gemacht für alles, was in dieser Welt schiefläuft, als wäre Gott der alleinige Akteur und wir Menschen nur Zuschauer. Aber genau dieses Bild zeichnet die Bibel nicht.

Ein Gott, der nicht schweigt

Wer die Bibel aufmerksam liest, begegnet keinem fernen oder gleichgültigen Gott. Gott redet. Gott ruft. Gott warnt. Gott tröstet. Gott zeigt Wege.

Eine klare Verdichtung steht im Buch Micha:
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Drei schlichte Leitlinien:
Recht tun. Güte lieben. Demütig leben.
Keine Geheimlehre, sondern eine Ethik, die das Leben schützt.

Und Jesus führt diese Linie weiter bis an ihre radikale Spitze:
„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Matthäus 5,44)
Das ist keine Romantik. Das ist geistliche Kraft. Wer so lebt, unterbricht Gewalt-Spiralen und baut an einer anderen Welt. Kurz gesagt: Gott hat gesprochen – klar, liebevoll, lebenspraktisch.

Die vergessene Gebrauchsanweisung

Bitte stellen Sie sich mal vor: Ein hochwertiges Gerät wird ohne Anleitung benutzt. Falsche Spannung, falsche Bedienung, falsche Pflege, falsche Erwartungen – bald funktioniert es nicht mehr. Und dann heißt es: „Der Hersteller ist schuld.“ Wir würden sagen: Das ist nicht fair.

Der Schöpfer dieses Lebens kennt uns. Gott weiß, was uns stärkt und was uns zerstört. Und Gott hat uns in seinem Wort eine Art „Gebrauchsanweisung“ mitgegeben – keine Zwangsjacke, sondern einen Schutzrahmen.

Wenn wir aber sagen: Wir wissen es besser; wir setzen auf Konkurrenz statt auf Kooperation, auf Konsum statt auf Maß, auf Rechthaben statt auf Versöhnung – dann ist es schräg, Gott für die Folgen verantwortlich zu machen. Vielleicht ist genau hier ein stiller Wendepunkt möglich: Nicht im Vorwurf gegen Gott, sondern im Hören auf Gott. Wenn immer mehr Menschen das tun würden, dann wäre der Leidensfaktor für uns alle deutlich niedriger!

Sehr viel Leid ist menschengemacht

Natürlich: Nicht alles Leid ist unsere Schuld. Erdbeben, schwere Krankheiten, Katastrophen sind und bleiben Rätsel. Die Bibel kennt dafür keine einfachen Antworten. Und doch gilt: Ein großer Teil dessen, was wir „Schicksal“ nennen, ist menschengemacht: Klimaveränderungen, Kriege, Vereinsamung, Zivilisationskrankheiten, Egomanie und Rücksichtslosigkeit. Das sind keine geheimnisvollen Taten Gottes, sondern Nebenwirkungen kollektiver Entscheidungen. Aber: Was menschengemacht ist, kann auch menschenverändert werden. Vielleicht beginnt Veränderung nicht nur bei „den anderen“, sondern erstmal bei uns.

Der Gott, der in Jesus mitleidet

Der christliche Glaube kennt keinen Gott, der dem Leid aus sicherer Distanz zusieht. Im Zentrum steht der gekreuzigte Jesus. Gott selbst geht in Jesus in das Leid hinein. Gott trägt es. Gott teilt es. Gott lässt sich verwunden. Gott leidet stellvertretend – für uns und mit uns.
Das ist der Kern des Evangeliums: Wir haben es nicht mit einem fernen Gott zu tun, sondern Gott leidet mit, solidarisiert sich mit uns. Darum sagt das Evangelium nicht: „Stell dich nicht so an.“ Das Evangelium sagt: „Gott kennt diesen Schmerz von innen.“

Eine Einladung

Niemand lebt perfekt nach Gottes Weisungen. Aber der Glaube lebt nicht von Perfektion, sondern von Beziehung. Von Neuanfängen. Von Kurskorrekturen. Von Gnade. Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir Gott nicht nur beurteilen, sondern Gott antworten würden.

Vertrauen als mutiger Schritt

Dieser Beitrag möchte niemandem Schuld einreden. Aber er lädt zu einem Perspektivwechsel ein. Vielleicht liegt der nächste geistliche Schritt nicht darin, Gott immer wieder neue Vorwürfe zu machen – sondern dem in der Tat dauerpräsenten Gott neu zuzuhören, Gottes Wort wieder ernst zu nehmen, Gottes gute Ideen für ein gelingendes Leben als Einladung zu lesen. Der dreieinige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – ist kein kalter Konstrukteur. Gott ist ein Begleiter und wirbt um unser Vertrauen.

Und vielleicht beginnt Heilung genau dort, wo wir – ganz leise, ganz ehrlich – sagen:
„Lebendiger Gott, ich verstehe nicht alles. Aber ich bin bereit, dir mein Leben neu anzuvertrauen. Bitte zeig mir, wie Leben besser gelingen kann.“
Das ist kein naiver Optimismus. Das ist ein realistischer, hoffnungsvoller, mutiger Glaube.

Beste Wünsche unter Gottes Segen!
Ihr und Euer Pfarrer
Carsten Heß