Passion und Passionszeit – was bedeutet das eigentlich?

Die Passionszeit 2026 sowie die Aufgabe der biblisch fundierten Illustration des Passions- (und Oster-) Geschehens habe ich zum Anlass genommen, die vielen 3,5-Zoll-Disketten vom vergangenen Jahrtausend aus meinem Archiv zu holen. Vor allem die eigenen Studien-Exzerpte zum Thema Bibelkunde und Altes wie Neues Testament (geringfügig überarbeitet) werden nach und nach online gestellt. Dabei ging es meiner damaligen Arbeitsgruppe und mir vor allem darum, den wichtigsten „Lernstoff“ so aufzubereiten, dass wir das meiste davon gut memorieren konnten. Gleichzeitig hatten wir sicherzustellten, das wirklich Wichtigste erfasst zu haben. Hier geht es übrigens nur um die puren Sach-Inhalte – und nur ganz kurz und knapp um die z.T. sehr weiten theologischen Dimensionen. Unsere Bibelkundetabellen mit Inhaltsübersichten zu den einzelnen Büchern und Kapiteln bleiben aber unveröffentlicht, weil sie teilweise noch handschriftlich gefertigt wurden.
Ich wünsche Ihnen und euch, dass mit dem Lesen oder Überfliegen dieser Passions-Zeilen ein möglichst spürbarer Gewinn verbunden ist – aber vor allem der lebendige Kontakt zum dreieinigen Gott, der sich immer wieder auf uns Menschen zubewegt und uns in die Nachfolge einlädt!
CH


1. Worum es in der Passionszeit geht

Die Passionszeit ist die Zeit im Kirchenjahr, in der die Christenheit den Weg von Jesus Christus in sein Leiden und Sterben in den Mittelpunkt stellt – so, wie die Evangelien es berichten. Jeweils geht es um denselben Ablauf:
Jesus geht nach Jerusalem, der Konflikt spitzt sich zu, es kommt zur Verhaftung, zu Verhören und zur Verurteilung, zur Kreuzigung, zum Tod und zum Begräbnis. Alle vier biblischen Evangelien lassen diesen Weg nicht beim Tod stehen, sondern führen weiter zur Auferweckung am dritten Tag.

Der Begriff „Passion“ kommt aus dem Lateinischen (passio) und bedeutet „Leiden“. Gemeint ist nicht „Leid“ als Stimmung, sondern es geht um das Leiden von Jesus Christus als den entscheidenden Abschnitt seines Weges. Wer Ostern verstehen will, kommt am Karfreitag nicht vorbei; wer Karfreitag verstehen will, muss wissen, warum dieser Tag im Evangelium nicht als Verlierer-Tragödie beschrieben wird, sondern als das Zentrum dessen, wozu Jesus gekommen ist.

Ein Satz, der diese Richtung früh festhält, steht gleich am Anfang des Johannesevangeliums. Johannes der Täufer nennt Jesus „das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“ (Joh 1,29). Das ist kein später Nachsatz, sondern eine Grundaussage: Der Weg von Jesus läuft auf ein stellvertretendes Lasten-Tragen hinaus.

2. Warum diese Wochen mit „vierzig Tagen“ beschrieben werden

Die Zeit vor Ostern wird traditionell als „vierzig Tage“ beschrieben. „Vierzig“ steht oft für eine fest umrissene Zeit, in der sich etwas klärt, zuspitzt, bewährt. Im Lukasevangelium ist das besonders greifbar, weil Lukas die Versuchung Jesu nach den vierzig Tagen in der Wüste berichtet (Lk 4,1–13).

Damit wird der Bogen sichtbar: Vorbereitung und Zuspitzung gehören zusammen. Die Passion beginnt nicht erst mit der Festnahme, sondern mit einer Linie, die früh auf Entscheidung und Gehorsam zuläuft.

Dass die Sonntage in der traditionellen Zählweise häufig nicht mitgerechnet werden, erklärt sich aus der Gottesdienstpraxis: Der Sonntag gilt als wöchentlicher Festtag. Er liegt mitten in der Passionszeit, wird aber nicht wie ein Wochentag gezählt.

In evangelischer Tradition wird die Passionszeit außerdem als Bußzeit beschrieben. Gemeint ist damit Umkehr und Neuorientierung. Es geht darum, das eigene Leben vor Gott prüfen, Schuld nicht kleinzureden, Vergebung nicht billig zu machen, sich innerlich auf die Karwoche hin auszurichten.

3. Die Passionssonntage: Namen, Übersetzung, Bibelverse

Die Sonntage der Passionszeit tragen alte lateinische Namen. Diese Namen stammen aus den ersten Worten von Bibelversen, die früher als Eröffnungsverse im Gottesdienst verwendet wurden. Es sind Bibelanfänge, die den Ton des jeweiligen Sonntags angeben.

3.1. Invokavit – „Er ruft mich an“ (Psalm 91,15)
Der Name kommt aus Psalm 91,15: „Wenn er mich anruft, will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not.“ Das lateinische Anfangswort lautet Invocavit – „er wird mich anrufen“. Der erste Sonntag der Passionszeit beginnt also nicht mit einem düsteren Motto, sondern mit einer Zusage: Gott hört, Gott bleibt nahe, Gott ist „bei ihm in der Not“. Diese Linie passt dazu, dass am Anfang der Passionszeit in vielen Leseordnungen die Versuchung Jesu vorkommt.

3.2. Reminiszere – „Gedenke“ (Psalm 25,6)
Reminiszere stammt aus Psalm 25,6: „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte.“ Reminiszere heißt „gedenke“. Der Vers ist eine Bitte, die direkt zu Gott spricht: Halte fest an deiner Barmherzigkeit. In der Passionszeit gewinnt dies deshalb an Gewicht, weil die Passionsberichte menschliche Schuld nicht verschleiern: Verrat, Verleugnung, kalkuliertes Unrecht, Feigheit. Reminiszere liefert dafür die biblische Sprache: Gott wird (nicht als ferne Idee) angerufen, (sondern) als der, dessen Erbarmen die Menschen trägt.

3.3. Okuli – „Meine Augen“ (Psalm 25,15)
Okuli kommt aus Psalm 25,15: „Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen.“ Das lateinische Anfangswort lautet Oculi – „Augen“. Der Vers verbindet Blickrichtung und Rettung. Er verbindet „Augen“ und „Fuß“: Sehen und Gehen. Das passt zur Passionszeit, weil diese Wochen im Kirchenjahr nicht als Themenblöcke gedacht sind, sondern als Weg – Schritt für Schritt näher an die Passion heran.

3.4. Laetare – „Freut euch“ (Jesaja 66,10)
Laetare stammt aus Jesaja 66,10: „Freut euch mit Jerusalem.“ Laetare heißt „freut euch“. Mitten in der Passionszeit steht damit ein Freudenruf. Er ist nicht als Stimmungswechsel erfunden, sondern steht als perspektivisches Bibelwort. Gerade in der Mitte der Passionszeit erinnert er daran, dass diese Wochen auf Ostern zulaufen. Freude und Ernst werden nicht gegeneinander ausgespielt. Der Freudenruf steht im Kalender da, wo die Zuspitzung schon spürbar ist.

3.5. Judika – „Schaffe mir Recht“ (Psalm 43,1)
Judika stammt aus Psalm 43,1: „Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache.“ Judica heißt „schaffe Recht“ bzw. „richte“. Das ist für die Passionszeit sachlich naheliegend, weil die Evangelien ausführlich berichten, wie Jesus in diverse Verfahren hineingezogen wird: Befragungen, Zuständigkeiten, Urteile. Judika bringt dafür ein biblisches Schlüsselwort: Recht. Und es setzt Recht nicht zuerst bei Menschen an, sondern ruft Gott als den an, der Recht schaffen kann.

3.6. Palmarum / Palmsonntag – der Übergang in die Karwoche (Lukas 19,28–40)
Palmsonntag führt in die Karwoche. Lukas berichtet den Einzug von Jesus in Jerusalem (Lukas 19,28–40). Der Ruf lautet: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ (Lk 19,38).
Lukas berichtet dabei nicht nur vom Jubel, sondern auch vom Widerspruch. Palmsonntag ist damit nicht nur „der Tag der Palmen“, sondern der sichtbare Eintritt in die letzte Zuspitzung: öffentlich, unübersehbar, unumkehrbar.

Zu den Kennzeichen dieser Wochen gehört in vielen evangelischen Ordnungen die liturgische Farbe Violett; ebenso ist es verbreitet, in dieser Zeit das Halleluja im Gottesdienst wegzulassen.

4. Der Passionsweg im Lukasevangelium: von den ersten Ansagen bis Ostern

Der Evangelist Lukas lässt die Passion nicht plötzlich beginnen. Er kündigt sie früh an, markiert ausdrücklich den Weg nach Jerusalem und erzählt „Passion und Ostern“ als zusammenhängenden Bogen.

4.1. Die Leidensankündigungen beginnen früh (Lukas 9)

In Lukas 9 steht eine der entscheidenden Weichenstellungen. Jesus spricht offen davon, was kommen wird: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden … und getötet werden und am dritten Tage auferstehen“ (Lk 9,22). Lukas nennt hier Leiden, Verwerfung, Tod und Auferstehung in einem Atemzug. Das ist wichtig, weil es die innere Linie setzt: Der Weg Jesu ist nicht ein gutes Leben, das tragisch endet, sondern ein Weg, der von Anfang an auf Passion und Auferstehung hin berichtet wird.
Kurz darauf nennt Lukas eine zweite Formulierung, die den späteren Ablauf vorbereitet: „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen“ (Lk 9,44). Diese Auslieferung ist bei Lukas früh ausgesprochen. Wer später die Kapitel 22 und 23 liest, merkt: Übergaben, Zuständigkeiten, „in die Hände geben“ – das ist nicht bloß dramatische Kulisse, sondern entspricht dem, was Jesus im Evangelium selbst ankündigt.

4.2. Der klare Einschnitt: Jerusalem wird Zielpunkt (Lukas 9,51)
Lukas wählt dann einen Satz, der den Übergang markiert: „… da wandte er das Angesicht, entschlossen, nach Jerusalem zu wandern“ (Lk 9,51; Luther 2017). Von hier an ist Jerusalem das Ziel. Lukas erzählt den weiteren Weg nicht als zufällige Reiseberichte, sondern als zielgerichtete Bewegung. Bibellesende wissen: Was jetzt folgt, steht im Schatten dessen, was in Jerusalem geschehen wird.

4.3. Die lange Wegstrecke nach Jerusalem (Lukas 9,51–19,27)
Dieser Abschnitt ist bei Lukas sehr umfangreich. Lukas bündelt hier Lehre, Begegnungen und Konflikte. Es ist die Strecke, in der sich entscheidet, wer Jesus folgt, wer sich entzieht, wer ihn missversteht, wer ihn ablehnt. In dieser Zeit werden Themen verdichtet, die später in der Passion wieder auftauchen: wahre und falsche Frömmigkeit, Macht und Ohnmacht, Besitz und Barmherzigkeit, Umkehr und Verstockung, religiöse Selbstsicherheit und Gottes Anspruch.
Lukas baut in dieser Wegstrecke auch Sätze ein, die das Kommende nochmals ansprechen. Jesus sagt: „Ich habe eine Taufe, mit der ich getauft werden muss“ (Lk 12,50) – ein Bild für das, was auf ihn zukommt. Und er nennt Jerusalem als den Ort, an dem sich das Schicksal (fast) eines (jeden) Propheten zuspitzt (Lk 13,33). Lukas macht damit klar: Der Weg nach Jerusalem ist nicht nur ein Ortswechsel, sondern eine Bewegung in eine Entscheidung hinein.

4.4. Die dritte Leidensankündigung: Stationen werden konkret (Lukas 18,31–33)
In Lukas 18 wird Jesus sehr konkret. Er spricht vom Hinaufgehen nach Jerusalem, nennt die Erfüllung dessen, „was durch die Propheten geschrieben ist“, und beschreibt dann eine Folge von Handlungen: Auslieferung, Spott, Misshandlung, Anspucken, Geißelung, Tötung – und Auferweckung am dritten Tag. Lukas verbindet hier den Ablauf der Passion mit dem Hinweis auf die Schrift. Passion ist Ereignis – und zugleich steht sie im Rahmen dessen, was Israel in den Schriften bezeugt.

4.5. Der Einzug in Jerusalem (Lukas 19,28–40)
Lukas berichtet den Einzug Jesu als öffentliches Ereignis. Der Jubelruf (Lk 19,38) steht neben dem Einspruch anderer Stimmen. Lukas zeigt: Jerusalem ist nicht nur der Ort, an dem Jesus „gefeiert“ wird, sondern der Ort, an dem Zustimmung und Widerspruch gleichzeitig sichtbar werden. Damit ist die Spannung gesetzt, die in den folgenden Kapiteln eskaliert.

4.6. Konflikt-Ort Jerusalem (Lukas 20–21)
In den Kapiteln 20 und 21 verdichten sich bei Lukas die Auseinandersetzungen: Fragen nach Vollmacht, auch Streitgespräche, Warnungen, große Reden. Hier wird das Klima sichtbar, in dem die Passion beginnt. Lukas führt von der öffentlichen Wirksamkeit in Jerusalem in die Ereignisse hinein, die er dann in Kapitel 22 in enger Folge berichtet.

4.7. Passah als Zeitrahmen (Lukas 22,1)
Lukas eröffnet die Passionsgeschichte mit einer Datierung: „Es war aber nahe das Fest der ungesäuerten Brote, das Passa heißt“ (Lk 22,1). Damit steht fest: Von der Passion wird im Zeitraum des Passahfestes berichtet. Dieser Rahmen ist nicht nachträglich „dazugedacht“, sondern Teil des Berichts.

4.8. Das letzte Mahl (Lukas 22,14–20)
Lukas berichtet vom letzten Mahl Jesu mit den Jüngern in einer Form, die sowohl Nähe als auch Ernst bezeugt. Die Einsetzungsworte stehen im Zentrum, besonders das Kelchwort: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20). Damit ist ausgesprochen, wie Jesus selbst das kommende Geschehen benennt: Bundessprache, Blut, Vergießen. Lukas stellt das nicht als späteren Kommentar dar, sondern als Worte von Jesus bei der letzten Mahlgemeinschaft.
Unmittelbar darauf spricht Lukas auch vom Verrat (Lk 22,21–23). Das ist eine harte Gegenüberstellung: Mahlgemeinschaft und Verrat stehen dicht beieinander. Die Passion beginnt bei Lukas nicht erst draußen vor dem Tor, sondern bereits im innersten Kreis mit dem Satz: „Die Hand dessen, der mich verrät, ist mit mir am Tisch.“

4.9. Ölberg, Gebet, Festnahme (Lukas 22,39–53)
Lukas berichtet vom Gang zum Ölberg, von Jesu Gebet und von der Müdigkeit der Jünger. Dann kommt der Zugriff. Lukas hält fest, dass Jesus im Moment der Festnahme nicht als Getriebener erscheint, sondern sprechend, ordnend, begrenzend. Er sagt: „Lasst dies so weit!“ (Lk 22,51) – und Lukas berichtet von der Heilung des verletzten Ohres. (Petrus hatte im „Eifer des Gefechts“ – weil er Jesus „verteidigen wollte – dem römischen Legionär mit Namen Malchus mit einem kleinen Schwert ein Ohr abgehauen.) Danach steht der Satz, der die Stunde markiert: „Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis“ (Lk 22,53). Es ist des Lukas spezielle Weise, die Szene zu rahmen: nicht als Zufall, sondern als entscheidende Stunde.

4.10. Petrus (Lukas 22,54–62)
Lukas erzählt die Verleugnung des Petrus mit einem Detail, das sich einprägt: „Und der Herr wandte sich um und sah Petrus an“ (Lk 22,61). Lukas berichtet damit nicht bloß einen Fehltritt, sondern hat die ganze Begegnung im Blick. Die Szene endet in der knappen, harten Notiz: Petrus weinte bitterlich. Lukas lässt das stehen – ohne Erklärsprache, ohne Ausschmückung.

4.11. Hoher Rat, Pilatus, Herodes, Pilatus (Lukas 22,66–23,25)
Lukas strukturiert den Weg durch die Instanzen besonders klar:
Zuerst die Befragung vor dem Hohen Rat (Lk 22,66–71).
Dann das Verhör vor Pilatus (Lk 23,1–5).
Dann die Episode vor Herodes (Lk 23,6–12).
Dann wieder Pilatus, der die Sache zum Urteil führt (Lk 23,13–25).
Gerade die Herodes-Episode ist ein spezifisches Lukas-Element. Lukas berichtet über Spott, Entwürdigung, Schweigen – und dass Herodes Jesus zurückschickt. Der Weg durch die Instanzen wirkt bei Lukas wie ein Kreislauf, der am Ende nicht zu Klarheit führt, sondern zu einem politischen Urteil. Lukas berichtet dabei auch die Freilassung des Barabbas (Lk 23,18–25) und hält fest, wie sich die öffentliche Forderung durchsetzt.

4.12. Kreuzweg und Kreuzigung (Lukas 23,26–43)
Lukas berichtet ausführlich vom Weg zur Kreuzigung und nennt dabei ausdrücklich Simon von Kyrene, der das Kreuz tragen muss (Lk 23,26). Lukas berichtet von der Begegnung mit den weinenden Frauen (Lk 23,27–31) – ein Abschnitt, der den Ernst der Stunde nicht sentimentalisiert, sondern in eine harte Rede Jesu führt.
Bei der Kreuzigung berichtet Lukas das Gebet: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Lukas berichtet von der Verspottung durch verschiedene Gruppen (Lk 23,35–39). Lukas erzählt ebenfalls die Szene mit den beiden Mitgekreuzigten, darunter die Zusage Jesu: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Lukas hält diese Worte als wörtliche Rede fest – als Bestandteil des Berichts.

4.13. Tod und Begräbnis (Lukas 23,44–56)
Lukas erzählt von der Finsternis, vom Riss des Vorhangs und dann das zitiert er das Sterbewort Jesu: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“ (Lk 23,46). Lukas berichtet auch von den Reaktionen: der Hauptmann lobt Gott, die Menge geht erschüttert nach Hause, die Bekannten stehen von ferne, die Frauen sehen Grab und Bestattung.
Dann berichtet Lukas von Josef von Arimathäa, der um den Leib von Jesus bittet, und über die Grablegung (Lk 23,50–56). Lukas hält auch fest, dass die Frauen die Ruhe des Sabbats einhalten. Der Bericht bleibt nah am Ablauf, ohne dass er Kommentierungssätze einschiebt.

4.14. Ostern bei Lukas (Lukas 24)
Lukas 24 beginnt mit dem Grab und der Botschaft: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden“ (Lk 24,6). Dann folgt die Emmausgeschichte (Lk 24,13–35), die bei Lukas besonders ausführlich ist: Weg, Gespräch, Schriftbezug, Erkennen beim Brotbrechen. Lukas berichtet anschließend über die Erscheinung vor den Jüngern (Lk 24,36–49) – und schließt mit dem Abschied und der Rückkehr der Jünger nach Jerusalem (Lk 24,50–53). Somit endet das Lukas-Evangelium nicht in Trauer, sondern in einer klaren Fortführung: Passion und Ostern gehören zusammen – genauso, wie Lukas es bereits früh angekündigt hatte.

5. Passah/Pessach und Passion: der jüdische Zusammenhang

Passah (hebräisch Pessach) ist das jüdische Fest, das an den Auszug Israels aus Ägypten erinnert. Grundlegend dafür ist Exodus 12: Einsetzung des Passahmahls, das Passahlamm, das Zeichen des Blutes, die ungesäuerten Brote, die Feier als dauerhaftes Gedächtnis der Befreiung.
Lukas datiert die Passionsgeschichte ausdrücklich zur Passahzeit (Lk 22,1). Somit steht Jesu Leiden und Sterben im Zeitraum dieses Befreiungsgedenkens. Das Neue Testament nimmt diesen Zusammenhang an einzelnen Stellen ausdrücklich auf, etwa mit dem Satz: „Denn auch unser Passahlamm ist geopfert, das ist Christus“ (1 Kor 5,7). Damit wird eine Linie benannt, die bereits in der sehr frühen Kirche sprachfähig geworden war: Passah als Befreiungsgedenken – Passion im Passahzeitraum – Christus als Passahlamm (in der Sprache eines apostolischen Briefes).

6. Passionszeit und Fastenzeit: zusammen im Kalender, aber nicht dasselbe

Im zeitgenössischen Alltag wird der Zeitraum vor Ostern oft mit dem Begriff „Fastenzeit“ bezeichnet. Aus kirchlicher Perspektive ist es jedoch hilfreich, zwei Dinge zu unterscheiden:
Passionszeit meint zuerst den Inhalt: den Passionsweg Jesu und die Hinführung zur Karwoche; Fasten bezeichnet eine Praxis des Verzichts, die historisch häufig zu dieser Zeit gehört, aber in evangelischen Kontexten sehr unterschiedlich gestaltet wird.
Deshalb scheint es präziser zu sagen: Die Passionszeit ist in erster Linie eine Zeit der Beschäftigung mit biblischen Befunden und der geordneten Erinnerung an den Weg von Jesus; Fasten ist (sozusagen) eine verbreitete Übung, die in diese Wochen hineinpasst, aber nicht das eigentliche Zentrum dieser Zeit definiert.

7. Passion in der Musik: warum diese Wochen auch musikalisch illustriert werden

Die Passion ist nicht nur eine gelesene Geschichte. Seit Jahrhunderten wird sie auch durch Musik lebendig. Das hat Folgen bis heute: Viele Menschen begegnen der Passionsgeschichte nicht zuerst über eine sachliche Abhandlung, sondern über Klang: in Passionsandachten, in Kantatengottesdiensten, in Konzerten.
In der evangelischen Tradition entstehen schon früh Formen, die den Evangelientext möglichst nahbringen. Heinrich Schütz ist hier ein Schlüsselname: Schütz steht für Passionsmusik, die den biblischen Bericht trägt und musikalisch so gestaltet, dass der neutestamentliche Befunde im Vordergrund bleibt.
Im 18. Jahrhundert prägt Johann Sebastian Bach die Passions-Rezeption wie kaum ein anderer. Johannes-Passion und Matthäus-Passion verbinden den Evangelienbericht (durch die Rolle des Evangelisten) mit Chorälen und weiteren Textteilen. Dadurch entstehen große Formen, die den biblischen Stoff nicht ersetzen, sondern öffentlich auslegen, wiederholen, einprägen – und ihn über Generationen im kirchlichen und kulturellen Gedächtnis halten.
Bis heute gehört das zur Passionszeit: Passionskonzerte, musikalische Gottesdienste, eingängige Choräle, die in diesen Wochen häufiger gesungen werden, und die Erfahrung, dass der Passionsbereicht nicht nur „Wissen“ bleibt, sondern angehört, empfunden und memoriert wird.

8. Wie das Kirchenjahr diese Zeit ordnet

Die Passionszeit ist als Weg gestaltet. Sie beginnt mit Invokavit, führt über Reminiszere, Okuli, Laetare und Judika zum Palmsonntag (traditioneller Merksatz: In rechter Ordnung lerne Jesu Passion) und geht dann in die Karwoche über. In der Karwoche rücken vor allem die zusammenhängenden Passionsabschnitte in den Mittelpunkt – bis hin zu Karfreitag und Ostern.
Zu diesem Weg gehören in vielen Gemeinden auch sichtbare, hörbare (und mancherorts auch „fühlbare“) Kennzeichen: die Farbe Violett, die Zurücknahme des Halleluja, die stärkere Präsenz von Passionsliedern und Passionslesungen, regional auch Passionsandachten, spezielle musikalische Formen – und auch „Passionswege“. So wird im Kirchenjahr nicht nur „über Passion gesprochen“, sondern die Zeit bekommt Gestalt – möglichst hin zum klaren Zielpunkt Karfreitag und Ostern.

Carsten Heß, Pfr.

Und nach und nach folgt eine kleine Auswahl von zeitgenössischer und traditioneller Lyrik zur Passion:

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Schuldlos schuldig

Es war noch nie so dunkel, nie so kalt.

Ein Kreuz auf einem Hügel, starres Schweigen, Hohn und Spott.

Die Liebe stirbt an Gleichmut und Gewalt und flüstert leise Worte:

„Warum bist Du fort, mein Gott?”

Schuldlos schuldig und verraten hängst du zwischen Gott und Welt. Bist in unsern Krieg geraten und machst Frieden, und machst Frieden, der ewig hält.

Du stirbst an satter Überheblichkeit,

an tausend schalen Träumen einer selbstgerechten Welt.

Du stirbst an stolzer Gottvergessenheit, an selbst erdachten Zielen,

falschen Wegen, ungezählt.

Schuldlos schuldig und verraten hängst du zwischen Gott und Welt. Bist in unsern Krieg geraten und machst Frieden, und machst Frieden, der ewig hält.

Es war noch nie so dunkel, nie so kalt.

Doch so bricht Gottes Gnade heiß in unsre kühle Welt.

Liebe besiegt gewaltig die Gewalt.

Wir feiern die Versöhnung zwischen Gott und seiner Welt.

Schuldlos schuldig und verraten hängst du zwischen Gott und Welt. Bist in unsern Krieg geraten und machst Frieden, und machst Frieden, der ewig hält.

(„Folgen-Musical“, 1986, felsenfest)

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Jesus lebt

Drei Frauen auf dem Friedhof im ersten Dämmerlicht.

Drei Tage schon getrauert, sie fassen es noch nicht.

Doch vor dem Grab unglaublich – da fehlt der große Stein.

Was soll das bloß bedeuten? Bestürzt seh’n sie hinein.

Die Leiche ist verschwunden. Die drei verzweifeln schier.

Da hörn sie Gottes Boten: “Freut euch, er ist nicht hier!”

Ja, er ist auferstanden. Jesus lebt. Ja, er ist auferstanden. Jesus lebt. Ja, er ist auferstanden. Jesus lebt.

Ein Loblied auf den Lippen, so eil’n sie in die Stadt.

Jetzt sollen alle hören, was sich ereignet hat.

Sie stehen vor den Jüngern und sprudeln es heraus:

“Das Wunder ist geschehen, er sagte es voraus!”

“Geschwätz,” die Jünger zweifeln, “Ihr habt geträumt ganz klar.”

Erst als er vor dem Grab steht, sieht Petrus: Es ist wahr.

Ja, er ist auferstanden. Jesus lebt.

Nachts, zu später Stunde, kehrt er bei ihnen ein.

Die Jünger fragen ängstlich: Wer mag der Gast wohl sein?

„Ich bin’s, seht selbst,” sagt Jesus. „Was Gott versprach, geschah.

Ihr seid nicht mehr alleine, ich bin euch immer nah.

Mein Geist wird euch begleiten, wird Kraft und Hilfe sein.

Erzählt, was ihr erlebt habt, in alle Welt hinein!”

Ja, er ist auferstanden. Jesus lebt.

(„Folgen-Musical“, 1986, felsenfest)

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Die Platte am Grab ist weggerollt, die Gruft ist leer, der Leichnam fort. Zwei Römer schaun sich ratlos an: „Wer außer Gott durchbricht den Tod?“

Zwei Frauen gehen Sonntagfrüh zum Grab – erschrocken finden sie
statt Friedhofsluft ein helles Licht, weil Jesus auferstanden ist.

Die Salbe war schon angerührt, mit der man Mumien konserviert.
Der seligen Erinnerung blieb keine Zeit, weil Jesus lebt.

Als er sich zeigt, mit ihnen spricht, – fast glauben sie’s noch immer nicht -, verkünden sie im Jüngerkreis: Die Liebe hat den Tod besiegt!

Die Platte am Grab ist weggerollt, die Gruft ist leer, der Leichnam fort. Zwei Römer schaun sich ratlos an: „Wer außer Gott durchbricht den Tod?“

Er zeigt sich Hunderten. Und doch hält sich die Skepsis immer noch:
„Ein großer Toter und nicht mehr!“ – bis Jesus sich dann selbst beweist.

„Wir pflegen seine Tradition,“ – so dachten viele Leute schon,
„nur seine Worte leben fort“ – Irrtum! – Denn Christus ist das Wort!

Wir sehen, wie er Menschen prägt, sich spürbar unter uns bewegt.
Wer mit ihm spricht, hört Trost und Rat und findet jemand, der ihn liebt.

Die Platte am Grab ist weggerollt, die Gruft ist leer, der Leichnam fort. Zwei Römer schaun sich ratlos an: „Wer außer Gott durchbricht den Tod?“

Wenn du nun meinst, dein Glück verwest, weil du am Grabe deiner Hoffnung stehst,
dann dreh dich um zu ihm – er lebt! Und Freude füllt den Raum der Angst.

Und wer von uns am Ende ist, wer alles außer Schmerz vermisst, soll wissen: Seine Gegenwart gibt Mut für einen Neubeginn.

Wir sagen’s laut trotz allem Spott: Es gibt ein Leben nach dem Tod.
Und heute schon entscheidet sich, ob du mit Christus auferstehst.

Die Platte am Grab ist weggerollt, die Gruft ist leer, der Leichnam fort. Zwei Römer schaun sich ratlos an: „Wer außer Gott durchbricht den Tod?“

Andreas Malessa/ Arno Backhaus

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Ins Tal (Du kommst zu uns)
Ins Tal, es geht bergab ins Tal, es geht nur noch bergab. Der Wein von gestern schmeckt heut‘ schal, das Leben liegt im Grab. Die Zeit mit ihm – sie war ein Traum, ein bunter Luftballon. Wir woll’n auf Trümmer Neues bau’n. Was bleibt uns and’res schon?

Du kommst zu uns und siehst uns an und gehst mit uns ins Tal. Du lebst, das Leben fängt neu an. Wir sind dir nicht egal. Mit dir beginnt die neue Zeit, wir geh’n mit dir ins Licht. Sind uns’re Wege noch so weit: Du, Herr, verlässt uns nicht.

Wer bist du, Fremder, neben uns? Was fragst du, was uns drückt? Bleib hier, erweis uns diese Gunst, damit die Nacht nicht siegt. Ins Tal, es geht bergab ins Tal, und trotzdem geht’s bergauf. Als hörten wir zum ersten Mal, schließt du Gott für uns auf.

Du kommst zu uns und siehst uns an und gehst mit uns ins Tal. Du lebst, das Leben fängt neu an. Wir sind dir nicht egal. Mit dir beginnt die neue Zeit, wir geh’n mit dir ins Licht. Sind uns’re Wege noch so weit: Du, Herr, verlässt uns nicht.

Wir sehen, was wir nie gesehn und ahnen, was Gott will. Komm mit ins Haus, du darfst nicht geh’n, du Fremder ohne Ziel. Du sprichst mit Gott, du brichst das Brot, und plötzlich ist und klar: Du lebst, du bist nicht länger tot. Ein Traum wird heute wahr.

Du kommst zu uns und siehst uns an und gehst mit uns ins Tal. Du lebst, das Leben fängt neu an. Wir sind dir nicht egal. Mit dir beginnt die neue Zeit, wir geh’n mit dir ins Licht. Sind uns’re Wege noch so weit: Du, Herr, verlässt uns nicht.

(„Folgen-Musical“, 1986, felsenfest)

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(Weiteres folgt gelegentlich.)