Der biblische DANIEL – zeitlos spannend und ermutigend

Im Jahr 2014 haben wir mit ca. 60 Kindern und Jugendlichen ein ganz besonderes Musical aufgeführt: Das Daniel-Musical. Wir haben uns bei der ca. ein Jahr dauernden Probephase an Hella Heizmanns Musical „Die Schrift an der Wand“ (aus 1990) orientiert. Zur Vorbereitung hatten wir uns – zunächst im engsten Mitarbeitendenkreis – die Daniel-Story mal ganz genau angeschaut. Eine leicht überarbeitete Version dieser ausführlichen Vorarbeiten zum Musical (basierend auf eigenen Exzerpten aus dem letzten Jahrtausend für Bibelkunde und AT) findet sich nach dem kursiv gedruckten Abschnitt. Herzliche Einladung auf eine Begegnung mit einem der mutigsten Charaktere des Alten Testaments!

Bevor es dann genauer und vollständiger wird – hier zunächst die Rahmenhandlung ganz kurz und knapp erklärt für Öffentlichkeitsarbeits-Zwecke 2014:

Und darum geht’s beim Daniel-Musical:
Die Handlung des Daniel-Musicals 2014 steht im Buch Daniel in der Bibel, im Alten Testament. Eindrucksvoll und spannend illustriert das Musical, wie Daniel gelebt hat und welche (auch heute noch aktuellen) Probleme seine Zeit geprägt haben (Babylonisches Reich / 6. und 5. Jahrhundert vor Christus). Der erste Teil des Musicals betrifft die Regierungszeit des Königs Belsazar, an dessen Königshof viel Aufregendes passiert (zum Beispiel die Sache mit der „Schrift an der Wand“ – Titel der Urfassung des Daniel-Musicals, komponiert von Hella Heizmann). Daniel und seine Freunde, jüdischen Glaubens, mussten am babylonischen Königshof leben, nachdem sie als lebendige „Kriegsbeute“ dorthin entführt worden waren. Im zweiten Teil des Musicals wird die altbekannte Geschichte von „Daniel in der Löwengrube“ neu entdeckt, die sich während der Herrschaftszeit des Königs Darius ereignet hat. Sie zeigt, wie derjenige schließlich zum Erfolg gelangt, der seinen Glauben nicht aufgibt. So wird Daniel in der Löwengrube geheimnisvoll vor dem sicheren Tod gerettet. Er war dort hineingeworfen worden, weil neidische Kollegen eine Intrige gegen ihn gestartet hatten. Zum besseren Verständnis wird das Geschehen immer wieder in eine Rahmenhandlung aufgenommen, die in der Gegenwart spielt. „Damals“ und „Heute“ treten in lebendige Beziehung zueinander: Alte Worte – neu gehört und spannend inszeniert. Von und mit Kindern und Jugendlichen aus den Kirchengemeinden im Evangelischen Pfarramt…

Worum geht es im alttestamentlichen Buch Daniel (im Einzelnen):

Das biblische Buch Daniel erzählt nicht in erster Linie eine „Heldengeschichte“, sondern dokumentiert, wie ein Jude im Exil unter wechselnden Großreichen lebt, arbeitet, leidet – und dabei in einem bemerkenswert nüchternen Sinn zugleich Gottes Handeln in der Geschichte bezeugt. Daniel ist dabei keine Figur, die in romantischer Legendenform auftritt. Im Gegenteil: Die Erzählungen wirken wie Erinnerungen aus dem Inneren eines Macht-Apparates. Daniel erscheint als ein Mann, der die Mechanismen imperialer Politik kennt, aber seine Loyalität nicht verkauft. Daniels Biographie wird im nach ihm benannten biblischen Buch in klaren Stationen entfaltet, und jede Station ist zugleich theologisch gerahmt: Nicht Babylon oder Persien bestimmt die letzte Linie der Geschichte, sondern der lebendige Gott.

1. Die erste Zäsur: Wegführung nach Babel und Beginn der Fremdherrschaft

Die Daniel-Geschichte setzt mit einer historischen Einordnung ein: „Im dritten Jahr der Herrschaft Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es“ (Dan 1,1). Entscheidend ist der theologische Nachsatz: „Und der Herr gab Jojakim … in seine Hand“ (Dan 1,2). Schon der Auftakt macht deutlich: Der Text erzählt nicht nur Politik, sondern deutet Geschichte als Ort göttlicher Gerichtshandlungen – und zugleich als Bühne, auf der Gott seine Treue nicht aufkündigt.
Daniel wird zusammen mit anderen jungen Männern aus dem königlichen und vornehmen Umfeld nach Babylon gebracht (Dan 1,3–4). Es geht um gezielte Elite-Bildung: Man sucht Menschen ohne körperlichen Makel, „schön“, „klug“, „verständig“ und lernfähig (Dan 1,4). Sie sollen für den Dienst am babylonischen Hof geformt werden – inklusive Sprach- und Schriftunterricht (Dan 1,4) und täglicher Versorgung aus der königlichen Tafel (Dan 1,5). Die Exilpolitik ist nicht nur militärisch, sondern kulturell: Identität soll umgeschrieben werden.
Ein besonders markantes Detail ist die Umbenennung: Daniel erhält den Namen Beltschazar, Hananja wird Schadrach, Mischaël wird Meschach, Asarja wird Abed-Nego (Dan 1,6–7). Der Text lässt keinen Zweifel entstehen: Das ist ein Eingriff in die religiöse Zugehörigkeit. Die alten Namen tragen Gottesbezüge (z.B. „-el“), die neuen Namen sind in babylonische Religionswelt eingebettet. Die neue Macht will nicht nur Arbeitskräfte, sondern eine neue Selbstdefinition.

2. Daniels erstes Profil: Gewissensentscheidung ohne Fanatismus

Daniel wird nicht als aggressiver Widerstandskämpfer eingeführt, sondern als ein Mensch mit klarer innerer Linie. Der entscheidende Satz lautet: „Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, dass er sich nicht unrein machen wollte“ (Dan 1,8). Es geht konkret um Speise und Wein vom königlichen Tisch (Dan 1,8). Der Text begründet nicht ausführlich, ob es um kultische Unreinheit, Götzenopferfleisch oder das Brechen jüdischer Speisegebote geht – aber er markiert: Daniel versteht, dass Anpassung Grenzen hat.
Bemerkenswert ist die Art, wie Daniel handelt. Er bittet, er argumentiert, aber er provoziert nicht (Dan 1,8–14). Daniel schlägt einen Test vor: zehn Tage Gemüse und Wasser (Dan 1,12). Das Ergebnis wird als sichtbar beschrieben: Sie erscheinen „schöner und wohlgenährter“ als die anderen (Dan 1,15). Der Text zieht daraus keine Gesundheitslehre, sondern eine geistliche Schlussfolgerung: Gott ehrt Treue im Kleinen. Explizit heißt es: „Und Gott gab diesen vier jungen Männern Kenntnis und Verstand“ (Dan 1,17). Daniel erhält darüber hinaus eine Sondergabe: „Er verstand sich auf alle Gesichte und Träume“ (Dan 1,17).
Schon hier zeichnet das Buch Daniel sein Leitmotiv: Gott ist souverän, auch im Exil, auch in einer fremden Kultur, auch unter Druck. Daniel wird nicht durch Opportunismus groß, sondern durch Gottes Geleit.

3. Daniels Durchbruch am Hof: Das Traum-Rätsel des Nebukadnezar

Der zweite große Abschnitt der Daniel-Biographie beginnt mit einer Krise, die tödlich enden könnte. Nebukadnezar hat einen Traum, der ihn erschüttert, und er verlangt von den Weisen nicht nur die Deutung, sondern auch die Mitteilung des Traum-Inhalts (Dan 2,1–6). Als diese Forderung als unmöglich zurückgewiesen wird, reagiert der König mit brutaler Konsequenz: Alle Weisen Babylons sollen getötet werden (Dan 2,12–13). Daniel ist ebenfalls davon betroffen, obwohl er offenbar noch nicht einmal konsultiert wurde (Dan 2,14).
Daniel bittet um Zeit (Dan 2,16), sucht seine Freunde auf, und sie flehen gemeinsam um Gottes Erbarmen „wegen dieses Geheimnisses“ (Dan 2,17–18). Das Geheimnis bekommt Daniel in einer Nacht offenbart (Dan 2,19). Dann folgt einer der dichtesten theologischen Texte des Buches: Daniels Lobpreis, in dem Gott als Herr über Zeiten, Könige und Weisheit gepriesen wird: „Er ändert Zeiten und Stunden; er setzt Könige ab und setzt Könige ein“ (Dan 2,21). Diese Aussage ist kein dekorativer Frommsatz, sondern das ideologische Gegenprogramm zum babylonischen Machtanspruch.
Daniel tritt vor den König, betont, dass keine menschliche Weisheit ausreicht, sondern „ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart“ (Dan 2,27–28). Daniel deutet den Traum vom Standbild aus Gold, Silber, Bronze, Eisen und Ton als Abfolge von Reichen, die schließlich durch ein von Gott gesetztes Reich abgelöst werden (Dan 2,31–45). Der Bibeltext entfaltet hier bereits eine Geschichtstheologie: Weltreiche sind real, mächtig, brutal – aber nicht ewig.
Nebukadnezar reagiert mit großer Anerkennung und ehrt Daniel auf besondere Weise (Dan 2,46–48). Daniel wird „groß gemacht“ und erhält eine hohe Verwaltungsposition (Dan 2,48). Zugleich sorgt Daniel dafür, dass seine drei Freunde ebenfalls eingesetzt werden (Dan 2,49). Der Text zeigt: Daniel ist nicht nur fromm, sondern auch loyal, klug und auch politisch kompetent.

4. Daniels Präsenz im Hintergrund: Der Feuerofen und die Treue der Freunde

Das berühmte Feuerofenereignis (Dan 3) ist biographisch interessant, weil Daniel selbst gar nicht erwähnt wird. Das ist kein Fehler, sondern ein literarischer Hinweis: Daniels Leben besteht nicht nur aus spektakulären Szenen. Während seine Freunde in eine akute Loyalitätsprobe geraten, bleibt Daniel offenbar in einer anderen Funktion – oder ist nicht vor Ort. Der Bericht zeigt jedoch das gleiche Grundmuster: Der Staat fordert religiöse Unterwerfung, Gottes Diener verweigern sie, Gott bewahrt sie (Dan 3,16–28). Daniel wird dadurch indirekt in denselben Treue-Horizont gestellt.

5. Daniel als Zeuge eines gedemütigten Königs: Nebukadnezars zweite Traumkrise

In Dan 4 tritt Daniel wieder zentral auf. Nebukadnezar berichtet einen Traum von einem großen Baum, der gefällt wird, und bittet Daniel um Deutung (Dan 4,6–15). Daniel erschrickt, denn die Deutung ist Gericht über den König: Nebukadnezar wird aus der menschlichen Ordnung herausgerissen, lebt wie ein Tier, bis er erkennt, „dass der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen“ (Dan 4,22).
Daniel spricht den König nicht mit Spott an, sondern mit Ernst und fast seelsorglicher Dringlichkeit: „Darum, o König, lass dir meinen Rat gefallen und brich mit deinen Sünden“ (Dan 4,24). Das ist ein bemerkenswerter Moment: Ein jüdischer Exilbeamter ruft den babylonischen Kaiser zur Umkehr. Der biblische Text zeigt Daniel hier als von Gott autorisierten Propheten inmitten von (weltlich-)politischer Macht.
Die Erfüllung folgt: Nebukadnezar wird erniedrigt (Dan 4,28–30), bis er Gott preist (Dan 4,31–34). Für Daniels Biographie ist wichtig: Daniel bleibt Zeuge dieser Ereignisse. Seine Position ist nicht nur administrativ, sondern auch geistlich: Daniel sieht, wie Gott Könige richtet und wieder aufrichtet.

6. Daniel in der Nacht des Reichswechsels: Belsazars Fest und die Schrift an der Wand

Dan 5 führt uns in die Zeit des letzten babylonischen Königs Belsazar. Der Ton wird schärfer. Belsazar feiert ein Fest, lässt die gestohlenen Jerusalemer Tempelgeräte holen und benutzt sie für ein Trinkgelage, während er „die Götter aus Gold und Silber“ preist (Dan 5,1–4). Das ist nicht nur moralische Dekadenz, sondern bewusste Entheiligung.
Daraufhin erscheint die Schrift an der Wand (Dan 5,5). Daniel wird geholt. Auffällig: Die Königinmutter erinnert an Daniel als einen Mann, in dem „der Geist der heiligen Götter“ sei (Dan 5,11) – eine heidnische Formulierung, die jedoch Daniels überragenden Ruf dokumentiert.
Daniel lehnt jegliche Geschenke ab (Dan 5,17) und hält Belsazar eine geschichtstheologische Rede: Er erinnert an Nebukadnezars Demütigung und wirft Belsazar vor, daraus nichts gelernt zu haben (Dan 5,18–23). Dann deutet er die Worte: „Mene, mene, tekel, u-parsin“ (Dan 5,25–28). Die Botschaft ist unmissverständlich: Gott hat gezählt, gewogen, geteilt. Noch in derselben Nacht wird Belsazar getötet und das Reich fällt an die Meder und Perser (Dan 5,30–31).
Für Daniels Lebenslauf ist das ein Schlüsselmoment: Er überlebt nicht nur einige Regime-Wechsel – er bleibt auch in seiner Funktion, weil seine Kompetenz und Integrität unübersehbar sind. Daniel ist nicht Parteigänger eines Systems, sondern Diener Gottes inmitten der Systeme.

7. Daniel unter Darius: Integrität, Neid – und die Löwengrube

Dan 6 schildert Daniel im persischen Verwaltungsapparat. Darius setzt Ein Provinz-Statthalter ein und darüber drei Vorsteher, einer davon Daniel (Dan 6,1–2). Daniel überragt die anderen durch „einen hohen Geist“ (Dan 6,3), und der König plant, ihm das ganze Reich anzuvertrauen (Dan 6,3). Das erzeugt Neid.
Die Gegner finden keinen Angriffspunkt: „Denn er war treu, und man fand keine Nachlässigkeit oder Schuld bei ihm“ (Dan 6,5). Das ist ein außergewöhnliches Urteil. Daniels Unangreifbarkeit ist nicht taktisch, sondern moralisch.
Also wird die Falle religiös gebaut: Ein Gesetz, dass dreißig Tage lang nur an den König gebetet werden darf (Dan 6,8). Daniel reagiert ohne Theater: Er betet weiter „dreimal am Tag“ mit geöffneten Fenstern Richtung Jerusalem (Dan 6,11). Er versteckt sich nicht, aber er inszeniert sich auch nicht. Er bleibt einfach Daniel.
Die Konsequenz ist die Löwengrube (Dan 6,17). Darius ist innerlich zerrissen, kann das Gesetz aber nicht rückgängig machen (Dan 6,15–16). In der gefährlichen Nacht wird Daniel wundervoll bewahrt. Am Morgen bekennt Daniel: „Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Löwen den Rachen zugehalten“ (Dan 6,23). Darius reagiert mit einem Reichs-Erlass, der den Gott Daniels ehrt (Dan 6,26–27). Daniel „hatte Erfolg“ unter Darius und unter Kyros (Dan 6,29).
Biographisch ist hier entscheidend: Daniel bleibt über Jahrzehnte in der Nähe der Macht, ohne seine Gottesbindung zu verlieren. Der Bibeltext bezeugt den Daniel als einen Mann, dessen Gewissen nicht korrumpierbar ist.

8. Daniel als Visionär der Weltgeschichte: Die große Wende in der zweiten Buchhälfte

Mit Dan 7 verändert sich der Charakter des Buches. Es geht nun weniger um Hofgeschichten, als mehr um Visionen. Für Daniels Biographie ist das dennoch zentral, weil der Bibeltext ausdrücklich datiert: „Im ersten Jahr Belsazars … hatte Daniel einen Traum und Gesichte“ (Dan 7,1). Daniel wird hier nicht nur als Deuter fremder Träume gezeigt, sondern als Empfänger göttlicher Offenbarung.
Die Vision der vier Tiere (Dan 7,2–8) parallelisiert die Reiche, die zuvor im Standbildtraum (Dan 2) dargestellt wurden. Daniel sieht Gerichtsszenen: „Da wurden Throne aufgestellt … und der Alte setzte sich“ (Dan 7,9). Die Sprache ist majestätisch. Dann erscheint „einer wie eines Menschen Sohn“, dem Herrschaft gegeben wird (Dan 7,13–14). Der Bibeltext spricht von einem Reich, das nicht vergeht.
Daniel ist davon innerlich erschüttert: „Mein Geist wurde betrübt“ (Dan 7,15). Das ist wichtig: Daniel ist kein abgeklärter Mystiker. Die Offenbarung ist schwer und alles andere als angenehm. Er fragt nach, er ringt um Verständnis (Dan 7,16).
In Dan 8 folgt die Vision vom Widder und Ziegenbock, erneut datiert: „Im dritten Jahr der Herrschaft des Königs Belsazar“ (Dan 8,1). Daniel sieht den Ziegenbock, der den Widder niederwirft, dann zerbricht das große Horn, und vier Hörner treten hervor (Dan 8,5–8). Der Text liefert hier eine Deutung, die ausdrücklich Reiche benennt: Der Widder steht für „die Könige von Medien und Persien“, der Ziegenbock für „den König von Griechenland“ (Dan 8,20–21). Das ist einer der historisch konkretsten Abschnitte des ganzen Buches. Daniel wird danach krank: „Und ich, Daniel, lag krank einige Tage“ (Dan 8,27). Visionen sind hier keine spirituelle Leichtigkeit, sondern schwer.

9. Daniel als Beter: Die Wende im ersten Jahr des Darius und das Gebet um Jerusalem

Dan 9 ist ein Höhepunkt der Daniel-Gestalt. Der Bibeltext datiert auch hier wieder ganz genau und nachvollziehbar: „Im ersten Jahr des Darius … merkte ich, Daniel, in den Büchern die Zahl der Jahre“ (Dan 9,1–2). Daniel liest also Schriftrollen – konkret Jeremia – und zieht daraus Konsequenzen. Er ist nicht nur Visionär, sondern Theologe im strengsten Sinn: Daniel arbeitet mit dem geschriebenen Wort Gottes.
Und Daniel erkennt, dass Jeremia siebzig Jahre der Verwüstung Jerusalems angekündigt hat (Dan 9,2; vgl. Jer 25,11–12; 29,10). Dann folgt ein langes Buß- und Fürbittgebet (Dan 9,4–19), eines der sprachlich und theologisch dichtesten Gebete des Alten Testaments. Daniel identifiziert sich mit der Schuld des Volkes: „Wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen“ (Dan 9,5). Er bittet nicht auf Grundlage eigener Leistung, sondern um Gottes Erbarmen: „Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet nicht um unsrer Gerechtigkeit willen“ (Dan 9,18).
Während Daniel betet, kommt Gabriel (Dan 9,21) und gibt eine weitere Offenbarung über „siebzig Wochen“ (Dan 9,24–27). Ohne hier in spekulative Chronologien abzugleiten, ist für Daniels Biografie vor allem eins wichtig: Daniel wird als ein Mann gezeigt, der die Geschichte Jerusalems nicht als fernes Thema behandelt. Er trägt sie im Gebet. Exil bedeutet für ihn nicht Entwurzelung im Sinn von Gleichgültigkeit, sondern leidenschaftliche Verbundenheit mit Gottes Volk und Gottes Verheißungen.

10. Daniel im dritten Jahr des Kyros: Die letzte Vision und Daniels Lebensende

Dan 10–12 bilden den Abschluss. Der Bibelext datiert erneut präzise: „Im dritten Jahr des Kyros, des Königs von Persien, wurde Daniel, der Beltschazar genannt wird, ein Wort offenbart“ (Dan 10,1). Daniel fastet und trauert drei Wochen lang (Dan 10,2–3). Er sieht eine überwältigende Erscheinung eines himmlischen Boten (Dan 10,5–6). Daniel verliert Kraft, fällt zu Boden, muss mehrfach gestärkt werden (Dan 10,8–19). Auch hier ist Daniel nicht der souveräne Held, sondern der Mensch, der unter Gottes Offenbarung zusammenbricht, aber der von Gott wieder aufgerichtet wird.
Die anschließenden Kapitel (Dan 11–12) entfalten in außergewöhnlicher Dichte Konflikte zwischen Nord- und Südreichen, Intrigen, Kriege, Verfolgung, und schließlich eine Endperspektive: „Viele, die unter der Erde schlafen, werden aufwachen“ (Dan 12,2). Das ist eine der klarsten Auferstehungsaussagen im Alten Testament.
Daniel selbst versteht nicht immer alles: „Ich hörte es, aber ich verstand’s nicht“ (Dan 12,8). Und das ist ein bemerkenswerter Schlusspunkt: Der große Deuter, der Traum- und Visionskundige, bleibt in Teilen ein Nichtverstehender. Die Offenbarung wird nicht zu vollständiger Kontrolle, sondern dient zur Vertrauensbildung. Der himmlische Bote sagt ihm: „Geh hin, Daniel; denn es soll verborgen und versiegelt bleiben“ (Dan 12,9). Daniel bekommt kein vollständiges System geliefert, sondern einen Auftrag zur Treue.
Das Buch Daniel endet mit einem Satz, der wie ein stiller, würdevoller Lebensabschluss klingt: „Du aber geh hin, bis das Ende kommt, und du wirst ruhen und auferstehen zu deinem Erbteil am Ende der Tage“ (Dan 12,13). Daniel wird nicht mit Ruhm verabschiedet, sondern mit Verheißung. Seine Biographie mündet nicht in Karriere, sondern in Hoffnung.

Zusammenfassung: Daniels Lebenslinien im Buch Daniel

Daniel erscheint im Buch Daniel als:
– exilierter Jude, der seine Identität nicht verliert (Dan 1);
– angesehener Hofbeamter, der durch Gottes Gabe überragende Weisheit erhält (Dan 2);
– prophetischer Mahner gegenüber Königen (Dan 4–5);
– integrer Verwaltungsleiter, dessen Gegner nur sein Gebetsleben angreifen können (Dan 6);
– Empfänger solcher apokalyptischer Visionen, die sowohl die Weltgeschichte als auch Gottes Reich betreffen (Dan 7–12);
– Beter, der die Schriften liest, Schuld bekennt und um Gottes Erbarmen fleht (Dan 9);
– Zeuge dafür, dass Gott Könige absetzt und einsetzt (Dan 2,21; 4,22; 5,21; 6,27).

Die Daniel-Biographie ist im Buch Daniel nicht nur ein erzählerischer Rahmen. Sie bietet für sich selber schon eine theologische Aussage: Ein Mensch kann mitten in einem fremden System leben, Verantwortung tragen, sogar in der Nähe absoluter Macht – und dennoch Gott fürchten, beten, standhaft bleiben, ohne fanatisch zu werden.
Daniel ist damit eine der nüchternsten, zugleich eindrücklichsten Gestalten des Alten Testaments: nicht der Mann, der die Welt rettet, sondern der Mann, der im Lauf der W<eltgeschichte konsequent und treu an Gott festhält – und gerade dadurch zum Zeugen dafür wird, dass Gottes Reich nicht von Menschenhand kommt, steht oder fällt (Dan 2,34–35), sondern sogar dann bleibt, wenn alle anderen Reiche vergehen.

 

Und hier nun nach und nach einiges Lyrische zu Daniel aus Tradition (krasse Sprache, aber bedeutungsstark) – und aus der „Moderne“:

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Daniels Lied (Hella Heizmann)
Viele Jahre liegen hinter mir,
schwere Wege musste ich geh’n.
Manche Wünsche blieben unerfüllt,
große Träume hab ich oft geseh’n.
Doch mein Gott, dem ich vertraue,
hat mich geführt,
hat mich begleitet und bewahrt,
hat mich noch nie enttäuscht.
Viele Menschen habe ich gekannt,
mancher Freund war plötzlich mein Feind.
Doch ich wusste, dass Gott alles sah,
auch die Tränen, die ich oft geweint.
Doch mein Gott, dem ich vertraue,
hat mich geführt,
hat mich begleitet und bewahrt,
hat mich noch nie enttäuscht.
Viele Götzen gibt’s in diesem Land,
gut gemacht aus Silber und Holz.
Sie bewegen weder Mund noch Hand,
und auf sowas sind die Menschen stolz.
Doch mein Gott, dem ich vertraue,
hat mich geführt,
hat mich begleitet und bewahrt,
hat mich noch nie enttäuscht.
Alle Ehre geb ich Gott allein,
er ist gut und voller Geduld.
Lasst sein Wort auch heute Warnung sein,
sonst zerbrecht auch ihr an eurer Schuld.
Doch mein Gott, dem ich vertraue,
hat mich geführt,
hat mich begleitet und bewahrt,
hat mich noch nie enttäuscht.

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Lass mich an dich glauben, wie Daniel es tat,
was kann dem geschehen, der solchen Glauben hat?
Sie warfen ihn den Löwen hin,
er betete zu Gott, und der beschützte ihn.
Lass mich an dich glauben, wie Daniel es tat.

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Fest und treu, wie Daniel war,Nach des Herrn Gebot,Sei der Kinder Gottes ScharIn der größten Not.
Bleibe fest wie Daniel,Stehst du auch allein;Wag‘ es, treu vor aller Welt,Gottes Kind zu sein!
Doch wer stets wie Daniel dort,Fest am Herrn sich hält,Kann im Glauben an Sein WortWiderstehn der Welt.
Bleibe fest wie Daniel,Stehst du auch allein;Wag‘ es, treu vor aller Welt,Gottes Kind zu sein!

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(Weiteres folgt gelegentlich)