Predigt zu Jesaja 66,10-14 – für den Sonntag Lätare (15. März 2026)

Predigt zu Jesaja 66,10-14 – Lätare – 15. März 2026 –

Liebe Gemeinde,

manchmal begegnen uns Szenen, die sich tief einprägen, weil sie etwas Grundsätzliches über das Leben zeigen. Vielleicht haben Sie das selbst schon einmal beobachtet: Ein Kind stürzt. Der Sturz ist heftig genug, dass zunächst das Schrecken kommt – und dann die Tränen. Oft passiert noch etwas: Das Kind schaut sich um. Es sucht nicht nach einer Erklärung des physikalischen Vorgangs. Es sucht nicht nach einer Analyse des Untergrunds. Es sucht eine Person. Es sucht jemanden, der vertraut ist. Und wenn diese Person da ist, wenn sie das Kind aufhebt, in den Arm nimmt, vielleicht nur leise sagt: „Alles gut“, dann verändert sich etwas. Der Schmerz ist noch da, aber er beherrscht nicht mehr alles. Die Welt wird wieder bewohnbar.

Dieses Bild steht überraschend nahe bei dem, was der Prophet Jesaja am Ende seines Buches über Gott sagt. In Jesaja 66,13 heißt es:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“

Das ist ein Satz, der am Ende eines langen prophetischen Weges steht, der durch Gericht, Katastrophen und tiefe Krisen gegangen ist. Das Jesajabuch endet nicht mit einer philosophischen Theorie, sondern mit einem Trostwort Gottes.

Um dieses Wort zu verstehen, lohnt es sich zu betrachten, in welche Situation hinein dieses gesprochen wird. Der Hintergrund ist die Zeit nach dem babylonischen Exil: Jerusalem hatte eine der größten Katastrophen seiner Geschichte erlebt. Die Stadt war zerstört worden. Der Tempel – das Zentrum des religiösen Lebens – lag in Trümmern. Ein großer Teil der Bevölkerung war verschleppt worden. Wer zurückkehrte, fand eine verwundete Stadt vor, eine erschütterte Gesellschaft und eine Zukunft, die alles andere als sicher war.

Man kann sich vorstellen, welche Fragen damals im Raum standen.
Hat Gott uns verlassen?
Haben unsere Feinde recht behalten?
Gibt es überhaupt noch Hoffnung für dieses Volk?

Und genau in diese Lage hinein spricht Gott.
Der Predigttext beginnt mit einer überraschenden Einladung:
„Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über sie, alle, die ihr sie lieb habt.“

Das klingt zunächst irritierend. Wie soll man sich freuen über eine Stadt, die gerade erst durch eine Katastrophe gegangen ist?

Die Antwort des Propheten lautet: weil Gottes Geschichte mit dieser Stadt noch nicht zu Ende ist. Die Freude kommt nicht aus der aktuellen Lage, sondern aus der Verheißung Gottes.

Der Predigttext entfaltet diese Verheißung mit starken Bildern. Jerusalem wird beschrieben wie eine Mutterstadt, die ihre Kinder wieder sammelt. Menschen werden wieder leben, wachsen, gestärkt werden.

Dann folgt eine der eindrucksvollsten Zusagen:
„Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite über sie aus Frieden wie einen Strom.“

Im Hebräischen heißt es: shalom ka-nahar.
Shalom ist ein großes Wort. Es bedeutet mehr als Frieden im politischen Sinn. Es meint Heil, Ganzheit, ein Leben, das wieder ins Gleichgewicht kommt.

Und dieses Heil kommt – so sagt Gott – wie ein Strom. Nicht als kleiner Tropfen Hoffnung, sondern als etwas Überströmendes.
Dann kommt der zentrale Vers:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Im hebräischen Urtext steht: ke-ish asher imo tenachamenu.
Das Verb nacham bedeutet trösten, innerlich wieder aufrichten, jemanden so stärken, dass er wieder Mut fassen kann. Es ist ein Wort, das tief mit der Geschichte Israels verbunden ist. Schon in Jesaja 40 beginnt der zweite Teil des Buches mit den Worten: „Tröstet, tröstet mein Volk – nachamu nachamu ami.“

Der Trost Gottes ist also kein Nebengedanke. Er gehört zum Herzschlag der biblischen Botschaft.

Bemerkenswert ist die Bildsprache. Der Gott, der hier spricht, ist derselbe Gott, den die Bibel JHWH Zebaot nennt – den Herrn der himmlischen Heerscharen. Der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Der Gott, der über Geschichte und Nationen steht.

Und doch beschreibt er sein Handeln mit einem Bild aus der innersten menschlichen Erfahrung: dem Trost für ein Kind.

Das ist keine Schwäche Gottes. Es ist eine Offenbarung seiner Nähe.

Der Gott der Bibel ist kein ferner kosmischer Mechaniker. Er ist der lebendige (da-seiende/ mitgehende) Gott, der seine Menschen kennt und ihnen nahekommt.

Der Prophet beschreibt, wie dieser Trost das Leben verändert. In Vers 14 heißt es:
„Wenn ihr das seht, wird euer Herz sich freuen, und eure Gebeine sollen grünen wie Gras.“
Im Hebräischen steht: ve-ra’item ve-sas libchem – „ihr werdet sehen, und euer Herz wird jubeln“.

Und das Bild der „grünenden Gebeine“ ist besonders eindrücklich. Es meint: selbst das, was erschöpft und ausgetrocknet war, bekommt neues Leben.

Die Bibel kennt diese Hoffnung immer wieder. Denken wir an Hesekiel (Ezechiel) 37, an die Vision von den verdorrten Knochen, die wieder lebendig werden. Gottes Kraft kann sogar dort neues Leben schaffen, wo Menschen nur noch Trockenheit sehen.

Warum wird ein solcher Predigttext für die Passionszeit gewählt?

Die Passionszeit führt uns auf den Weg Jesu nach Jerusalem. Auf den Weg zum Kreuz. Auf den Weg durch Leid und Dunkelheit.

Und doch ist gerade dieser Weg der Ort, an dem Gottes Trost besonders eindrucksvoll sichtbar wird.

Jesus selber greift Worte des Trostes auf. Im Johannesevangelium sagt er zu seinen Jüngern:
„Euer Herz erschrecke nicht.“
Und dann:
„Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen.“

Das ist bemerkenswert.
Denn Jesus weiß, dass seine Jünger bald erschüttert sein werden. Sie werden Verrat erleben, Angst, Verfolgung. Und gerade deshalb spricht er ihnen Trost zu.

Der Apostel Paulus nennt Gott später „den Gott allen Trostes“.

Der Trost Gottes ist nicht oberflächlich. Er geht durch das Leiden hindurch. Das Kreuz Jesu zeigt, dass Gott selbst das Dunkel der Welt ernst nimmt.

Der Wochenspruch dieses Sonntags bringt dieses Geheimnis auf den Punkt:
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“

Das Evangelium ist kein Ausweichen vor der Realität. Es ist die Zusage, dass Gottes Leben stärker ist als der Tod.

Wenn wir heute auf unsere Welt schauen, dann spüren wir vielleicht besonders, wie nötig solche Worte sind. Wir erleben Kriege, Spannungen zwischen Nationen, eine Weltordnung, die fragil geworden ist. Menschen haben Angst vor Eskalationen, vor neuen Konflikten.

Und zugleich sehen wir etwas, das besonders erschüttert: antisemitische Stimmen werden wieder lauter. Jüdische Menschen erleben Bedrohungen, die viele längst für überwunden hielten.

Für Christen muss das ein Alarmzeichen sein.
Denn die Bibel erinnert uns daran: Der Gott, an den wir glauben, ist der Gott Israels. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist nicht erledigt. Paulus sagt im Römerbrief: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

Der christliche Glaube steht nicht gegen Israel, sondern in der Geschichte Israels.
Gerade Jesaja 66 zeigt diese Treue Gottes. Trotz aller Katastrophen hält Gott an seinem Volk fest.

Und genau darin liegt Trost – nicht nur für Israel, sondern für alle, die diesem Gott vertrauen.
Denn wenn Gott seine Verheißungen nicht zurücknimmt, dann gilt das auch für uns.

Viele Menschen suchen heute Orientierung. Sie suchen sie in politischen Programmen, in wirtschaftlicher Stabilität oder in persönlichen Lebensstrategien.
Aber vieles davon ist unsicher. Denn alle Sicherheiten können zerbrechen.

Der Reformator Martin Luther hat einmal gesagt: „Ein Gott ist das, woran du dein Herz hängst.“

Wenn unser Herz nur an Dinge gebunden ist, die vergehen, wird es unruhig bleiben.

Der Trost Gottes dagegen reicht weiter. Er reicht durch Krisen hindurch. Er reicht sogar über den Tod hinaus.

Und damit kommen wir noch einmal zurück zu der Szene vom Anfang.
Ein Kind fällt. Die Wunde ist real. Der Schmerz ist real.
Aber dann wird das Kind aufgehoben. Es spürt: Ich bin nicht allein.
Der Schmerz verschwindet nicht sofort. Aber die Angst verliert ihre Macht.

Vielleicht ist genau das der tiefste Sinn dieses Jesaja-Wortes.
Der Trost Gottes bedeutet nicht, dass alles sofort leicht wird.
Der Trost Gottes bedeutet: Du bist nicht allein.

Der Herr Zebaot, der Gott der himmlischen Heerscharen, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi – dieser Gott hat seine Geschichte mit dieser Welt noch nicht beendet.

Und deshalb darf eine Gemeinde Hoffnung haben.
Nicht laut.
Nicht triumphierend.
Aber ruhig und gelassen.

Ruhig wie ein Mensch, der weiß: Ich bin getragen.

Und deshalb gilt auch heute dieses alte Wort des Propheten:
„Ich will euch trösten.“

Ein Satz, der Generationen getragen hat.
Ein Satz, der Menschen durch Krieg und Verfolgung getragen hat.
Ein Satz, der Menschen durch Krankheit, Zweifel und Trauer getragen hat.

Der Gott, der das sagt, lebt.
Heute.
Und morgen.
Und auch dann noch, wenn unsere eigenen Kräfte längst zu Ende sind.

Darum: Freut euch mit Jerusalem.
Denn der Gott, der tröstet, ist derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit.
Amen.

 

Pfarrer Carsten Heß (Lahnau), im März 2026