Wenn Macht den Charakter verdirbt – nicht nur in der Politik

Friedrich Merz liefert gerade ein Lehrstück über ein Problem, das nahezu überall existiert, wo wenige über viele entscheiden: in Regierungen, Unternehmen, Behörden, Hochschulen, Verbänden und Kirchen.

Ein „hohes“ Amt erweitert den Handlungsspielraum. Charakter, Urteilskraft und Menschenkenntnis wachsen dabei keineswegs automatisch mit. Gerade an der Spitze entsteht leicht der Eindruck, jede Entscheidung sei schon deshalb richtig, weil man sie durchsetzen kann.

Beim Umbau des Bundeskabinetts trat dieses Problem offen zutage.

Patrick Schnieder sollte das Verkehrsministerium verlassen, obwohl eine tragfähige Nachfolge noch fehlte. Er blieb im Amt, war politisch aber bereits abgeschrieben. Schließlich bezeichnete Schnieder die entstandene Lage selbst als einen „unwürdigen Zustand“. Die CDU-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz sagte daraufhin ein Treffen mit Merz ab. Es fehle an einem „Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung“. Aus der eigenen Partei ist das ein vernichtendes Urteil.

Auch Tino Sorge soll von seiner Ablösung nicht zuerst persönlich erfahren haben. Die Nachricht war bereits in Partei und Öffentlichkeit unterwegs. In den ostdeutschen CDU-Verbänden wuchs der Ärger. Wer einen erfahrenen Fachpolitiker aus Sachsen-Anhalt auf diese Weise behandelt, beschädigt zugleich die Beziehungen zu seinem politischen Umfeld.

Merz wollte das Kabinett neu ordnen. Zurück blieb der Eindruck schlechter Vorbereitung und eines Führungsstils, dem das Gespür für Menschen fehlt.
Markus Söder verglich den Kanzler mit einem Fußballtrainer, der Spieler einwechselt und auswechselt. Am nächsten Tag erklärte er, bei der CSU bleibe alles beim Alten. Das eigene Personal sei schließlich „ganz hervorragend“. Deutlicher kann eine Verteidigung kaum auf Abstand gehen.

Auch das Bild vom Fußballtrainer ist verräterisch. Auf einer Taktiktafel lassen sich Figuren nach Belieben verschieben. In der Politik hängen an jedem Namen Erfahrung, Beziehungen, Ansehen und Verantwortung. Wer das übersieht, verwechselt Führung mit Verfügungsgewalt.

Besonders gefährlich für Merz ist die Herkunft der Kritik. Sie kommt mittlerweile von Menschen, die seinen Aufstieg unterstützt haben. Konservative, Landesverbände und Vertreter der Jungen Union klagen über fehlendes Gespür, handwerkliche Fehler und einen Kanzler, der sich verheddert. Innerhalb der CDU heißt es sogar, Merz halte sich für „unantastbar“.

Im Bundesvorstand soll ihm der Bremer Landesvorsitzende Heiko Strohmann gesagt haben: „Sie leiten hier keine Firma, sondern eine Partei.“ Der Satz trifft. Zugleich führt man auch ein Unternehmen mit Zukunft anders. Gute Leitung bereitet Wechsel vor, informiert Betroffene frühzeitig und schützt die Arbeitsfähigkeit der Organisation. Erst Menschen öffentlich zu beschädigen und anschließend das entstandene Durcheinander zu verwalten, ist keine Entschlossenheit. Es ist schlechte Führung.
Macht verändert dabei vor allem das Umfeld. Kritik wird vorsichtiger. Warnungen verlieren auf dem Weg nach oben ihre Schärfe. Manche sagen nur noch, was ohne persönliches Risiko gesagt werden kann. Die Spitze hört zunehmend Zustimmung und hält sie für Wahrheit. So wächst eine gefährliche Selbstgewissheit. Das Amt schirmt vor der Wirklichkeit ab. Fehler werden später erkannt, Widerstand wird unterschätzt, Vertrauen zerfällt.

Diese Mechanik kennt viele Orte. In Unternehmen können Beschäftigte zu austauschbaren Größen werden. Behörden lassen Verantwortung hinter Zuständigkeiten verschwinden. An Hochschulen entscheiden Abhängigkeiten über Karrieren. Verbände geraten unter den Einfluss kleiner Zirkel.

Kirchlicher Machtmissbrauch ist häufig schwerer zu erkennen. Er wirkt durch Netzwerke, vertrauliche Absprachen und gezielte Einflussnahme auf zuständige Gremien. Auf dem Papier entscheidet ein Gremium. Tatsächlich kann das Ergebnis längst vorbereitet sein. Informationen werden ausgewählt, Tagesordnungen gesetzt, Alternativen klein gehalten, Wortmeldungen unterschiedlich gewichtet. So lässt sich ein Gremium für eine Richtung gewinnen, die vorher bereits feststand. Die formale Ordnung bleibt gewahrt. Der Entscheidungsweg wird trotzdem undurchsichtig.

Kirchen brauchen Personalpolitik, Strategie und institutionelle Interessen. Entscheidend ist die Lauterkeit, mit der diese Interessen verfolgt werden. Kritisch wird es, sobald einzelne Personen erheblichen Einfluss nehmen, dabei aber hinter Sitzungen, Zuständigkeiten und kollektiven Beschlüssen verschwinden.

Für Betroffene entsteht dann ein besonders bitteres Bild. Das Ergebnis trifft sie unmittelbar. Wer es vorbereitet hat, bleibt kaum greifbar. Nach außen erscheint alles formal korrekt. Hinter dieser Fassade können persönliche Loyalitäten, alte Konflikte und gezielt gelenkte Mehrheiten eine größere Rolle spielen, als später eingeräumt wird.

Gerade kirchliche Leitung steht hier unter einem hohen Anspruch. Sie verbindet organisatorische Macht mit moralischer und geistlicher Autorität. Werden Gremien nur noch zur Bestätigung bereits vorbereiteter Entscheidungen benutzt, verliert die Kirche an Glaubwürdigkeit. Fromme Sprache kann daran nichts ändern.

Zurück in die Politik: Friedrich Merz steht für mehr als nur eine misslungene Kabinettsumbildung. Sein Führungsstil zeigt, was geschieht, wenn Macht den Blick verengt und Widerspruch an Wirkung verliert.

Ein Amt gibt die Möglichkeit, Entscheidungen durchzusetzen. Autorität entsteht aber durch Verantwortungsbewusstsein, Urteilskraft und einen fairen Umgang mit Menschen. Wer das verwechselt, bleibt vielleicht mächtig. Überzeugend ist eine solche Führung jedoch längst nicht mehr.

Ambrosius von Mailand