Schneefall? Sofortiger Systemkollaps! – Eine kleine Feldstudie aus dem deutschen Winterwunderland

Es ist ein Phänomen von beinahe metaphysischer Schönheit: Sobald in Mittelhessen ein paar Schneeflocken vom Himmel fallen, verwandelt sich die Region in eine Art verkehrstechnisches Endzeit-Szenario. Und zwar nicht wegen meterhoher Verwehungen, nicht wegen arktischer Orkanböen, nicht wegen einer Eiszeit im Stil von „The Day After Tomorrow“ – sondern wegen etwas, das in anderen Bundesländern schlicht „Dienstag“ heißt.

Man könnte fast glauben, Schnee sei hier ein völlig neues Naturereignis. Etwas, das bislang nur in der Fachliteratur vorkam. Vielleicht in einem schlecht kopierten Schulbuch, irgendwo zwischen „Vulkanismus“ und „Wie funktioniert Photosynthese?“

Der Winter kommt – überraschend, jedes Jahr aufs Neue

Das eigentlich Faszinierende ist die konsequente Überraschung, mit der jeder Wintereinbruch behandelt wird. Als hätte sich die Atmosphäre verschworen, plötzlich und hinterhältig auf die Idee zu kommen, im Januar oder Februar Schnee zu produzieren. Dabei gäbe es ja – man höre und staune – Wetterdienste. Das sind nicht diese mystischen Orakel, die im Nebel tanzen, sondern Einrichtungen, die mit einer geradezu unheimlichen Präzision sagen können:
„Morgen früh ab 4:30 Uhr Schneefall, gegen 7:00 Uhr zunehmende Glätte.“

Das ist keine Zauberei. Das ist Meteorologie. Und das Erstaunliche: Diese Information ist oft schon am Vortag bekannt. Man ist also nicht unvorbereitet. Zumindest müsste man es nicht sein.

Streufahrzeuge: Diese sagenumwobenen Maschinen aus der Vergangenheit

Und dann gibt es – Achtung, Science-Fiction! – Streufahrzeuge. Ja, richtig gelesen: Fahrzeuge, die nicht nur fahren, sondern sogar streuen können. Mit Salz. Oder – in der Tat – mit Gurkenwasser. (Was übrigens ein realer Ansatz ist: Sole, also salzhaltige Flüssigkeit, teils aus industriellen Nebenprodukten – die Pointe schreibt sich hier praktisch von selbst.)

Das Prinzip ist simpel:
Fahrzeug fährt. Fahrzeug streut. Straße bleibt befahrbar.
Voraussetzung:
Man müsste sich nur erinnern, wie man so ein Streufahrzeug bedient.

Das ist in etwa so, als würde man bei der Feuerwehr jedes Mal bei Rauchentwicklung diskutieren, ob Wasser und Löschschaum wirklich die passenden Element seien – oder ob man – zugeschnitten an den aktuellen Barnd – nicht erst mal ein neues Gutachten braucht.

Blick über die Landesgrenzen: Deutschland, aber mit Winterkompetenz

Jetzt kommt der Teil, der für die hiesige Tragödie besonders schmerzhaft ist:
Es gibt Gegenden in Deutschland, da funktioniert Winterdienst. Und zwar nicht bei homöopathischen Schneemengen, sondern unter Bedingungen, bei denen Mittelhessen längst die Bundeswehr zur Evakuierung rufen würde.

Zum Beispiel: Thüringen. Sachsen. Baden-Württemberg. Bayern.
Dort gibt es: mehr Schneetage, deutlich größere Schneemengen, wesentlich anspruchsvollere Topografie, und – man schnalle sich an – trotzdem keine regelmäßigen Verkehrs-Apokalypsen, weil eine Autobahn kurzzeitig weiß aussieht.

Das liegt nicht an Zauberei. Auch nicht an „bayerischer DNA“. Es liegt an etwas Altmodischem: Organisation. Zuständigkeit. Wille.
Man könnte es drastisch formulieren: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.
Und wo kein Wille ist, da ist eben… die A45.

Dass ausgerechnet auf einer zentralen Autobahnstrecke bei ein paar Schneeflocken solche Probleme entstehen, ist kein Naturereignis. Es ist hausgemacht. Es ist unnötig. Und es ist – bei aller Liebe – sehr, sehr dumm.

Fazit: Nicht der Schnee ist das Problem – sondern die Überraschungskultur

Der Schnee fällt. Das ist sein Job. Die Straßen müssen geräumt werden. Das wäre der Job anderer. Wenn aber jedes Mal beim ersten Weiß auf dem Asphalt die Verwaltung wirkt wie eine mittelalterliche Stadt, die zum ersten Mal von einer Sonnenfinsternis hört, dann ist das keine Tragödie – das ist eine Satire. Nur leider eine, die morgens um 7:15 Uhr auf der A45 stattfindet. Mit echten Menschen. In echten Autos. Und echten Staus. Aber immerhin: Gurkenwasser wäre theoretisch verfügbar.
CH